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Nachruf auf Dr. med. Manfred Drücke

von Agnes Dudler

Wir trauen um Dr. med. Manfred Drücke, einen der ersten Psychodramatiker in Deutschland, der am 9.11.2023 in Heidelberg im Alter von 83 Jahren überraschend gestorben ist.

 Mit ihm verlieren wir einen engagierten Psychodramatiker, der auch Psychoanalytiker war und beide Verfahren und Denkungsweisen elegant verbinden konnte. Er war nach meinem Kenntnisstand in den 80er und 90er Jahren einer der wenigen, die in privater Praxis regelmäßig psychotherapeutische Psychodramagruppen durchführte, zwei wöchentlich. Auch in der Einzeltherapie mit Psychodrama hatte er ein originelles Konzept: Er arbeitete mit Symbolen jeweils 90 Minuten bei meist 10 Sitzungen in vierzehntägigem Abstand. Als Facharzt für Psychiatrie scheute er keine schwierigen Fälle. Sie schienen ihm besonders am Herzen zu liegen.

 Am Moreno Institut Stuttgart war er lange ärztlicher Leiter und Weiterbildungsleiter. Ausserdem war er Lehranalytiker und hat ab den 80er Jahren am Heidelberg-Mannheimer Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie e. V. (IPP) in der Weiterbildung gearbeitet. Er hat die Zeitschrift „Psychoanalyse im Widerspruch“ einige Jahre mit herausgegeben und das Projekt „Psychoanalyse und Film“ mit begründet.

 Im DFP-Vorstand war er von 2007 bis 2012 als Beisitzer, im DAGG (Deutscher Arbeitskreis fuer Gruppendynamik und Gruppentherapie), den es damals noch gab, von 2000 bis 2006 stellvertretender Vorsitzender. Die Zusammenarbeit mit anderen Verfahren lag ihm am Herzen. Gemeinsam mit Hella Gephart und Christian Warrlich im DAGG-Vorstand wurden sehr interessante Tagungen gestaltet. Den Spagat zwischen Gruppenanalytikern einerseits und Gruppendynamikern und Psychodramatikern auf der anderen Seite konnte er aber auch nicht mindern.

 Als Mitglied im Vorstand der Sektion Psychodrama innerhalb des DAGG unterstützte er das Anliegen der Sektion Psychodrama, sich eine eigene Rechtsform zu geben als   Deutscher Fachverband für Psychodrama e.V. (DFP). Eine zeitlang  existierten die Sektion Psychodrama innerhalb des DAGG und der DFP gleichzeitig. Der Trend der Sektionen im DAGG sich zu verselbständigen führte später zur Auflösung des DAGG. Manfred Drücke setzte sich danach dafür ein, die Idee des DAGG in Form einer neu zu gründenden  Dachgesellschaft am Leben zu erhalten.

Dem Psychodrama blieb Manfred Drücke stets eng verbunden. Den  Moreno Institut en Stuttgart, Edenkoben-Überlingen und dem Institut SZENEN stand er bis zum Schluss als Supervisor und Lehrsupervisor zur Verfügung. 

 Persönliche Erinnerungen von Agnes an Manfred als Mitbegründer des Institutes SZENEN

Wenn ich an Manfred denke, fällt mir zuerst seine herzhafte Art zu lachen ein.  Das wundert mich im Moment, da ich ihn eher als ernsthaften Menschen bezeichnen würde. Ausserdem haben wir auch viel gestritten.

 Er war ein klares Gegenüber mit dezidierten Meinungen und fundierten Kenntnissen nicht nur im psychotherapeutischen Bereich, sondern auch in Kunst, Literatur und Politik. Er vertrat klar seine Standpunkte, hörte aber auch interessiert zu, d.h. man konnte gut mit ihm reden. Er war ein guter und interessanter Gesprächspartner, und ein ausgeprägter Ästhet. Ich kenne wenige Menschen, die sich wie er kaum je abwertend über andere geäußert haben.

 Ich lernte ihn 1979 zunächst indirekt kennen bei einem MitarbeiterInnentreffen des Morenoinstitutes Stuttgart. Es wurde mit grosser Wertschätzung, einem gewissen Neid wegen seiner bevorzugten Rolle bei Heika Straub, der Institutsleitung, und auch einiger Kritik von ihm gesprochen. Als ich ihn über die Jahre näher kennenlernte, merkte ich, wie klar und zugewandt er im Zweierkontakt war und wie schwer er sich als „normaler“ Teilnehmer in Gruppen tat. Das hatte ich nicht erwartet. Er nahm in Gruppen oft eine etwas eigenwillige vielleicht gar exzentrische Rolle ein, mit der er manche nervte und sich Ärger einhandelte.

 Intensiver wurde unser Kontakt, als wir Ende der 80er Jahre gemeinsam in einem Viererrat von Mitarbeitern mit Alfons Aichinger und Irene Unland-Schlebes-Brunow an einer möglichen Umstrukturierung des Morenoinstitutes arbeiteten. Wir fuhren die Strecke Karlsruhe-Stuttgart hin und zurück immer gemeinsam im Zug. Auf der Hinfahrt waren wir voller Pläne und Ideen, auf der Rückfahrt versuchten wir uns zu sortieren und wieder aufzurichten, nachdem unsere Pläne von der Institutsleitung meist zerfleddert worden waren. So entstand die Idee, sich vom Mutterhaus zu lösen und ein eigenes Institut aufzumachen. Von anfangs mehreren Interessierten blieben wir beide übrig.

In der Gründungsphase war Manfred entschiedener als ich. Es war seine Idee, das Institut SZENEN zu nennen; er hatte auch schnell einen befreundeten Graphiker, der das Logo entwarf, das er sehr favorisierte. Die von einer mir befreundeten Graphikerin entworfenen „Männlein“ fand er zwar lustig, aber nicht seriös genug. In vielem waren wir sehr unterschiedlich, vor allem im Tempo. Hat er mich anfangs mit seiner Bedächtigkeit genervt, habe ich die im Laufe unserer Zusammenarbeit sehr zu schätzen gelernt. Ich war oft zu schnell.

 Es war eine fruchtbare Zeit der Zusammenarbeit, die wir beide sehr genossen. Im Wechsel trafen wir uns alle sechs Wochen für einen Tag in Bonn oder Heidelberg, bis wir mit dem Projekt an die Öffentlichkeit gingen. Wir hatten vor, parallel Gruppen in Heidelberg und in Bonn einzurichten.

 Die Anerkennung des Institutes SZENEN 1991 beim DFP standen wir gemeinsam bei vielen Anfeindungen gut durch. Es war erleichternd, dass es parallel zu SZENEN  auch  eine Neugründung von Ehemaligen des Moreno Instituts Überlingen gab, das Psychodrama Institut für Europa. Wir abtrünnigen Gründerinnen fühlten uns immer sehr verbunden.

 Danach entwickelte sich zu Manfreds Enttäuschung und meiner Überraschung das Institut in Bonn langsam aber sicher, während in Heidelberg keine Ausbildungsgruppe zusammenfand. Akquise lag Manfred gar nicht. Sehr schade, denn auf die weitere Kooperation hatten wir uns beide gefreut.Aus der gemeinsamen Gruppenarbeit in der Selbsterfahrung erinnere ich besonders seine klare Haltung in einem schwierigen Fall, als ein Teilnehmer es wagte, seinen Hass auf Frauen und seine Vergewaltigungsphantasien anzusprechen. Während ich mit den Frauen deren Ängste und Empörung bearbeitete, gelang es Manfred in der Untergruppe der Männer die Problematik in hinreichender Tiefe zu bearbeiten. Dem jungen Mann war gut geholfen.

Nun sind mit Manfred Drücke und Rainer Bosselmann (gestorben im Dezember 2008) die beiden Männer, die das Institut Szenen in den Anfängen wesentlich mitgeprägt haben, im Jenseits.

Das Foto zeigt die beiden im April 2001 in Antibes (links Manfred Drücke) bei stürmischem Wetter. Wir haben zu dritt das Annual Meeting der damals noch jungen FEPTO in Grasse besucht. Manfred kannte sich als Provenceliebhaber dort sehr gut aus, und so machten wir einige Ausflüge zusammen.

Bei der General Assembly der FEPTO wurde drei Stunden darüber debattiert, ob Vorstandsmitglieder für ihre Telefon- und Reisekosten Belege beibringen müssten. Bei mir kam neben Interesse deutsche Überheblichkeit auf über soviel vergeudete Zeit, Rainer ging es an die Schmerzgrenze und er verliess die Assembly, Manfred fand den interkulturellen Einblick „fabelhaft interessant“.