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Neue Perspektiven auf dem Weg zur Heilung

Das Psychodrama gehört zu den humanistischen Therapiemethoden. Ursprünglich als Gruppentherapie konzipiert (und im stationären Setting oft so durchgeführt) wird es heute im ambulanten Setting sehr häufig in der Einzeltherapie angewendet. Welches Menschen- und Gesellschaftsbild steckt hinter dem Verfahren?

Das Psychodrama gehört zu den humanistischen Therapiemethoden. Ursprünglich als Gruppentherapie konzipiert (und im stationären Setting oft so durchgeführt) wird es heute im ambulanten Setting sehr häufig in der Einzeltherapie angewendet.

Begründet wurde das Psychodrama von dem Psychiater, Soziologen und Philosophen   Dr. med. Dr. h. c. Jakob Levy Moreno (1889 – 1974)  Anfang des 20. Jahrhunderts. Moreno nannte das Psychodrama eine Methode, welche „die Wahrheit der Seele durch Handeln ergründet“ (1959). Durch szenische Darstellung seiner Lebenswelt, durch das konkrete oder symbolische „in Szene setzen“ von Lebensumständen, zwischenmenschlichen oder intrapsychischen Konflikten, von Träumen oder Zukunftsentwürfen kann der Patient das Geschehen, sich selbst und die anderen Beteiligten aus einer neuen Perspektive betrachten, problematische Beziehungen klären, sich ggf. an frühere ähnliche Gefühle und Situationen erinnern und mit Hilfe der Therapeutin / des Therapeuten zu Lösungen, neuen Einstellungen, adäquateren Formen des Erlebens und Verhaltens kommen.

Ein weiteres bekanntes Zitat Morenos lautet: „Handeln ist heilender als reden“. Das Psychodrama ist eine Aktionsmethode. Ausgehend vom Prinzip der Begegnung wird der Mensch als Handelnder in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen und Interaktionen gesehen, als Mitverantwortlicher innerhalb des Systems der menschlichen Gemeinschaft, als Mitschöpfer des Kosmos. Verliert er seine Spontaneität und Rollenflexibilität, so wird seine Entwicklung gestört – etwa im Sinn einer neurotischen Konfliktverarbeitung – mit den bekannten Auswirkungen auf die psychische und somatische Gesundheit des Individuums sowie auf die sozialen Strukturen. Das Psychodrama hat zum Ziel, diese Zusammenhänge deutlich sichtbar und erlebbar zu machen und (zunächst spielerische) neue Erfahrungen zu ermöglichen.

Der Psychodramatische Handlungsraum wird durch fünf Grundelemente konstituiert:

  •  Bühne
  • Protagonist / Protagonistin
  • Ein oder mehrere Hilfs-Iche
  • Gruppe
  • Leiter / Leiterin

Über spontane szenische Wiedergabe relevanter Situationen der Gegenwart wie auch früherer, mitunter verdrängter Erlebnisse werden im psychodramatischen Spiel die betreffenden Szenen vom jeweiligen Darsteller (im Psychodrama Protagonist genannt) wieder erinnert, in Begleitung des Leiters, der Leiterin wieder erlebt und gestaltet und in der Abschlussphase der Sitzung mit Hilfe der Gruppe und des Leiters durchgearbeitet. Dies erfolgt nicht nur aus eigener Sicht, sondern mittels des Rollenwechsels auch aus der Situation der Interaktionspartner. Klienten und Patienten können sich dank der Hilfs-Ich-Technik mit relevanten Bezugspersonen auch in deren Abwesenheit auseinandersetzen. Durch die Technik des Spiegelns ist es einem Protagonisten möglich, seine Situation aus einer weiteren Perspektive, diesmal von außen, zu betrachten.

Das ganzheitliche, sinnliche Erleben der Interaktionen aus verschiedenen Positionen bewirkt größeres Einfühlungsvermögen und szenisches Verstehen, es motiviert und befähigt zur Verhaltensänderung, erhöht das Verantwortungsbewusstsein und die Autonomie und fördert die persönliche Entwicklung. Durch das Handeln im Spiel und das Probehandeln auf neuem Terrain werden natürliche Lernvorgänge unterstützt.

Auch wenn es im Psychodrama eine Fülle von Umsetzungsmöglichkeiten gibt (Einzel- oder Gruppensetting, protagonistenzentriert, gruppenzentriert, themenzentriert, Traumbearbeitung, Vignette, Stegreifspiel, Soziodrama…) geschieht der Ablauf immer in drei Stufen:

Zeitlicher Aufbau einer Psychodrama-Sitzung

1)    Erwärmungsphase

  • Erwärmen der Teilnehmer / des Teilnehmers
  • Themenfindung

2)    Spielphase

  • Verdichten des Themas
  • Szenischer Aufbau
  • Rollen verteilen, einführen, spielen
  • Techniken:  Einfühlendes Interview, Doppeln, Spiegeln, Rollenwechsel
  • Surplus reality
  • Abbau und Entlassen aus den Rollen

3)    Integrationsphase

  • Sharing
  • Rollenfeedback
  • Evtl. Identifikationsfeedback

Beim typischen Ablauf einer protagonistenzentrierten Spielphase geschieht der Einstieg über ein gegenwärtiges Problem, eine unklare Situation, ein Gefühl, eine schwierige Beziehung oder eine Frage. Gemäß der Beobachtung, dass sich der therapeutische Prozess meist von der Peripherie ins Zentrum und von der Gegenwart zur Vergangenheit entwickelt, entsteht bei tiefenpsychologischem Vorgehen oft nach der ersten Szene eine zweite, die dasselbe Thema aufgreift und in der jüngeren Vergangenheit spielt, eine weitere Szene geht möglicherweise noch weiter zurück (bis in die frühe Kindheit), so dass sich für eine Störung ein Zusammenhang, ein roter Faden erkennen lässt. Anschließend schreitet der Prozess wieder Richtung Gegenwart. Die Vergangenheit als solche kann nicht verändert werden, aber internalisierte, „abgespeicherte“ Bilder und Erlebnisse von ihr. Daher schließt sich meist eine „surplus-reality“ an, etwa eine Szene, die das Ereignis zeigt, so, wie es hätte sein sollen (Wunscherfüllung) oder eine „Zukunftsprobe“.

Wie Gesprächstherapie nicht einfach ein Gespräch ist, so ist Psychodrama nicht einfach Rollenspiel. Es wurden zahlreiche typische Techniken ausgearbeitet, welche den Ablauf einer Gruppensitzung strukturieren und das Erleben der Teilnehmer vertiefen können. Vom verhaltenstherapeutischen Rollenspiel unterscheidet es sich beispielsweise durch die Techniken des Rollenwechsels und des Doppelns und dadurch, dass die Spielszenen genauer definiert und (bei entsprechender Indikation) tiefenpsychologisch bearbeitet werden.

Handeln in Rollen

Bezüglich seiner Rollentheorie hat Moreno spekulativ grundlegende Erkenntnisse vorweggenommen, deren empirische und wissenschaftliche Untermauerung die Säuglingsforschung und die Neurobiologie erst in den letzten Jahren leisteten. Die Rollen, sagt Moreno, entstehen nicht aus dem Selbst, sondern das Selbst entsteht aus den Rollen. Er war sich sicher, dass der Mensch von Geburt an ein kreatives und soziales Wesen ist,  „Aktionshunger“ hat und in Rollen handelt.

Rolle ist hier definiert als eine Verhaltenseinheit (eine individuell gestaltete, mit zunehmender Erfahrung abrufbare Handlung). Ihre Bedeutung als Aktion kann nur im jeweiligen Kontext verstanden werden (die Rolle des Vaters bedarf eines Kindes, die des Freundes einen Freund…). Jede Rolle hat eine private und eine kollektive Seite. Moreno unterscheidet psychosomatische, psychodramatische und soziodramatische Rollen, die aufeinander aufbauen sowie die Kategorien ‚role-taking’, ‚role-playing’ und ‚role creating’.

Wir entwickeln als Individuen ein persönliches Rollenrepertoire, lassen einige Rollen wieder brach liegen (z.B. durch Berufswechsel), erhalten andere hinzu (z.B. Vater-rolle, Mutterrolle), aber unterschiedliche Rollen können auch miteinander in Konflikt stehen (die Rolle der Berufstätigen und der Mutter in einer Person) oder untergehen (Rolle der Grundschülerin).

Soziales Atom

Moreno war Zeitgenosse Martin Bubers, beide haben sich wechselseitig beeinflusst. Bubers Satz „Am Anfang war Beziehung“ und seine Auffassung, „Krankheiten der Seele sind Krankheiten der Beziehung“ könnten genauso gut von Moreno stammen.

„Nicht das Individuum, sondern das soziale Atom ist die kleinste soziale Einheit“.

Das soziale Atom ist das sozioemotionale System von Beziehungen zwischen Menschen, in dem sich die individuelle Persönlichkeit entwickelt und mit der ihr Lebensschicksal unmittelbar verknüpft ist. Jeder Mensch braucht lebensnotwendig andere Menschen und andere brauchen ihn. Ihre Wünsche und Bedürfnisse überkreuzen sich. Zum sozialen Atom gehören nicht alle Menschen, mit denen das Subjekt in Beziehung steht, sondern nur diejenigen Personen, mit denen eine emotional bedeutsame Beziehung vollzogen oder gewünscht wird. Die übrigen Personen gehören zum Bekanntschaftsvolumen. Die Gruppierungen kommen entweder durch Zufall, Nähe oder Wahl zustande, wobei die Wahl die stabilste Kontaktform bewirkt. „Wahl ist der Ausdruck von Spontaneität par excellence“.

Dr. med. Ulrike Fangauf       

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