Logo des DFP

Reinhard T. Krüger: Die psychodramatische Selbstsupervision – Wie wir die Idee des spontan-kreativen Menschen in uns selbst verwirklichen können

Die psychodramatische Selbstsupervision macht in nur 20 Minuten die besonderen Wirkmöglichkeiten des Psychodramas erfahrbar. Sie ist anwendbar bei eigenen privaten oder beruflichen Konflikten oder bei Problemen in der Psychotherapie, in der Beratung oder im Coaching. Sie macht die Protagonistin in der konflikthaften Beziehung freier, mutiger, achtsamer und beziehungsfähiger. Qualitative Untersuchungen zeigen, dass psychodramatische Selbstsupervision Störungen in der Beziehung zu PatientInnen oder KlientInnen auflösen kann und die therapeutische Beziehung verbessert.

Reinhard T. Krüger (2017, wird gekürzt veröffentlicht in der Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie 16(2), 2017)

Schlüsselwörter: Psychodrama, Supervision, Selbstsupervision, Rollentausch, Mentalisation, Gegenübertragung, systemisch, therapeutische Beziehung, Wirksamkeit, Psychotherapie.

Psychodramatic self-supervision
How we can realize the idea of the spontaneously-creative man in ourselfes

Abstract: In psychodramatic self-supervision, the participants experience the unique effects of psychodrama after only twenty minutes of work. Self-supervision is applicable in working on private or professional conflicts and in problems of psychotherapy, consultation or coaching. It makes the protagonist freer, more courageous and more attentive in his or her relationship. Qualitative research has shown that psychodramatic self-supervision can resolve disturbances in the relationship to patients or clients and thus improve the therapeutic relationship.

Keywords: Psychodrama, Supervision, Self-supervision, Role-reversal, Mentalisation, Counter-transference, Systemic, Therapeutic Relationship, Effectiveness, Psychotherapy.

1.Praktische Ausführung

Bei der psychodramatischen Selbstsupervision klärt der Mensch einen Konflikt mithilfe des psychodramatischen Dialogs ohne eine unterstützende Leiterin oder Therapeutin. Die Methode führt in 80-90 Prozent der Fälle zu Fortschritten in der eigenen Konfliktbewältigung, das auch bei Menschen, die Psychodrama noch nicht kennen. Erproben Sie als Leserin oder Leser das Vorgehen einmal selbst! Vollziehen Sie dabei die folgenden 12 Schritte (Krüger 2015, S. 37 ff., überarbeitet):
1. Suchen Sie sich einen Raum, in dem sie allein und ungestört sind.

2. Stellen Sie für Ihren Konfliktpartner oder den problematischen Patienten einen leeren Stuhl vor sich hin und imaginieren Sie den Konfliktpartner darauf sitzend.

3. Der dann folgende psychodramatische Dialog soll ein rein fiktives Gespräch sein. Sprechen Sie über die Realität hinaus Ihrem Konfliktpartner gegenüber alles aus, was Sie denken, fühlen und fragen wollen. Hauen Sie alles heraus! Verhalten Sie sich also zum Beispiel als Therapeutin Ihrem „Patienten“ gegenüber nicht therapeutisch, sondern muten Sie sich ihm im psychodramatischen Dialog authentisch und frei zu, auch wenn Sie ihn in der realen Begegnung durch ein solches Verhalten eventuell verletzen würden. Sie werden Ihren Konfliktpartner dadurch nicht real kränken, weil dieser sich in Wirklichkeit ja gerade ganz woanders aufhält.

4. Blicken Sie zu dem leeren Stuhl des Konfliktpartners hin, legen Sie fest, was dieser ganzheitlich ausstrahlt, und stellen sie sich vor, welche Körperhaltung dieser auf dem anderen Stuhl einnimmt.

5. Was löst der Anblick Ihres Konfliktpartners in Ihnen gefühlsmäßig aus? Teilen Sie ihm verbal mit, was Sie fühlen.

6. Im Rollentausch antworten Sie in der Rolle des Konfliktpartners so, wie Sie glauben, dass Ihr Konfliktpartner antworten würde. Achten Sie darauf, dass Sie dabei auch wirklich die Körperhaltung des Konfliktpartners einnehmen. Denn nur so kommen Sie in die Rolle Ihres Konfliktpartners hinein. Sie können diese Feststellung überprüfen: Nehmen Sie versuchsweise auf dem Stuhl Ihres Konfliktpartners eine ganz andere Haltung ein, zum Beispiel eine sehr lässige oder eine sehr aufrechte. Sie werden merken, dass eine andere Körperhaltung in Ihnen leiblich-seelisch ein anderes Denken und Fühlen aktiviert. Es geht bei Ihrem Spiel in der Rolle Ihres Konfliktpartners bitte nicht darum, dass Sie lernen, sich in diesen besser einzufühlen, sondern darum, dass Sie erkennen, wie dieser tickt!

7. Reden Sie bitte in jeder der beiden Rollen laut.

8. Achten Sie darauf, während des fiktiven Gesprächs häufig die Rollen zu tauschen. Denn wenn Sie Ihrem Konfliktgegner vieles nacheinander ohne Rollentausch sagen, können Sie in der Rolle des anderen nicht mehr auf jede Mitteilung einzeln reagieren.

9. Spüren Sie in ihrer eigenen Rolle immer wieder nach, was Sie leiblich-seelisch fühlen und benennen Sie innerlich Ihren Affekt. Verwechseln Sie dabei bitte nicht Ihr Fühlen mit dem, was Sie nur denken. Sprechen Sie Ihre Gefühle Ihrem Konfliktpartner gegenüber während des Dialogs immer wieder offen aus.

10. Spüren Sie mindestens einmal im Rollentausch auch in der Rolle Ihres Konfliktpartners nach, was Sie leiblich-seelisch fühlen, und benennen Sie Ihren Affekt in seiner Rolle. Lassen Sie dabei alle Interpretationen weg. Interpretationen würden Sie nur hindern, Ihr leiblich-seelisches Erleben in seiner Rolle unmittelbar zu erfassen.

11. Beenden Sie den Dialog, wenn Sie intuitiv spüren: „Ich habe verstanden, um was es geht!“ Oder wenn Sie nach 15 bis 20 Minuten merken: „Weiter komme ich jetzt nicht.“

12. Am Ende des psychodramatischen Dialogs schreiben Sie bitte sofort auf ein Blatt Papier Ihre Antworten auf die folgenden Fragen auf: „Was habe ich vor dem Spiel in der Beziehung gefühlt und über den anderen gedacht?” „Was war jetzt hier in dem Spiel in meinem konkreten Erleben für mich neu, was wusste ich vorher nicht?“ „Was wurde mir in dem Spiel deutlicher, als es vorher war?“ Es ist wichtig, dass Sie Ihre Antworten sofort notieren! Denn Sie vergessen Ihre neuen Erfahrungen im Spiel sonst innerhalb weniger Stunden. Schon scheinbar kleine neue Erfahrungen können aber für Ihre Konfliktverarbeitung von großer Bedeutung sein (siehe Fallbeispiel 1).
Psychodramatische Selbstsupervision nach diesen Vorgaben führt in 80-90 Prozent der Konflikte innerhalb von nur 10-20 Minuten zu neuen Erkenntnissen und zu einer inneren Entspannung. Sie erweitert Ihr inneres Bild der Beziehung mit Ihrem Konfliktpartner und verändert deshalb in der nächsten realen Begegnung mit Ihrem Konfliktpartner auch Ihr äußeres Handeln.

Fallbeispiel 1 (ebd., S. 36 f., überarbeitet): Vor 40 Jahren, als ich selbst noch Arzt in der Psychiatrischen Kliniik der Medizinischen Hochschule Hannover war, litt ich einmal ein halbes Jahr lang zunehmend unter Konflikten mit meinem Oberarzt. Dieser schien mich abzulehnen. Eines Tages entschied ich mich, die gestörte Beziehung für mich allein psychodramatisch zu klären. Ich setzte mich abends zu Hause im Wohnzimmer auf einen Stuhl und stellte mir gegenüber einen zweiten Stuhl hin. Wie ich es als Psychodramatiker gelernt hatte, imaginierte ich, dass auf dem zweiten Stuhl vor mir mein Oberarzt sitzen würde. Dann sagte ich dem „Oberarzt“ über die Realität hinaus alles, was mich an ihm störte: „Ich engagiere mich, ich denke mit. Sie aber werden immer abweisender. Mache ich etwas falsch? Ich weiß gar nicht mehr, was Sie wollen!“ Im Rollentausch in der Rolle des Oberarztes nahm ich dessen Körperhaltung ein. Ich drückte das Kreuz durch und war in der Gestik väterlich. Da merkte ich plötzlich: „Ach, so ist das! Das ist ja, als ob in meinem Rücken ein Spazierstock eingebaut wäre statt der Wirbelsäule!“ Als Oberarzt fühlte ich mich von dem spontanen, munteren Assistenten gestört. Ich hatte Angst, aus der Rolle zu fallen und die Übersicht zu verlieren. Mein damaliger Oberarzt war tatsächlich ein sehr ordentlicher Mann! Ich erkannte: „Je mehr ich mich als Assistentsarzt anstrenge, desto mehr bin ich als Oberarzt beunruhigt, versteife mich und wehre nur alles ab!“ Wieder zurück in meiner eigenen Rolle war ich überrascht, dass mein Zorn auf den Oberarzt nicht mehr da war. Ich dachte: „Wenn das zurückweisende Verhalten von ihm nur Selbstschutz ist und er mich nicht wirklich ablehnt, dann habe ich damit kein Problem. Wenn er das für sich braucht, kann ich ihm das lassen!“ Am nächsten Arbeitstag in der Poliklinik waren die monatelangen Spannungen in der Beziehung zu meinem Oberarzt auch in der realen Begegnung verschwunden. Sie kamen auch später nicht wieder. Ich hatte im psychodramatischen Dialog im Rollentausch meine innere Objektrepräsentanz des Oberarztes erweitert, ich hatte im Rollentausch leiblich-seelisch seine innere Realität erkundet, meine Projektion von Ablehnung aufgelöst und festgestellt, dass sein Bemühen um Abgrenzung wahrscheinlich „nur“ Selbstschutz war. Diese neue Erkenntnis ließ mich meinen Oberarzt in der realen Begegnung im Alltag mit anderen Augen sehen. Statt auf seine Abgrenzung hin reaktiv immer mehr Ideen zu produzieren, konnte ich überlegen, was mir selbst wirklich wichtig war, mich auf nur diese eine Sache konzentrieren und ihm das vorschlagen.

2. Theorie der therapeutischen Wirkung

Psychodrama wirkt therapeutisch dadurch dass die Psychodramatechniken im äußeren Spiel die bei jedem Menschen natürlicherweise vorhandenen Werkzeuge des inneren Mentalisierens verwirklichen (ebd., S. 29 ff.). Die Psychodramatechniken aktivieren, differenzieren und erweitern die halb bewusste, halb unbewusste innere psychische Prozessarbeit der Protagonistin, mit der sie sich selbst und den anderen im Konflikt versteht, mit der sie ihren Konflikt innerlich verarbeitet und nach einer angemessenen bzw. neuen Konfliktlösung sucht und mit der sie ihr weiteres Handeln im Konflikt plant (ebd., S. 20). In der psychodramatischen Selbstsupervision mit ihren 12 Schritten wendet die Protagonistin die Psychodramatechniken ohne Leitung auf sich selbst an. Deshalb hat jeder der 12 Schritte Bedeutung: 1. Die Schritte 2 und 4 ersetzen die Aufforderung der Therapeutin zum Szenenaufbau und helfen so, den Konflikt auch innerlich zu repräsentieren und zu aktualisieren. 2. Die Schritte 3, 5, 6 und 7 verwirklichen das psychodramatische Rollenspiel in der eigenen Rolle und in der Rolle des Konfliktpartners. Sie bringen Aktion und Reaktion in der inneren Auseinandersetzung in eine in sich stimmige zeitliche Reihenfolge. 3. Die Schritte 5, 9 und 10 ersetzten das Doppeln der Therapeutin und lassen die Protagonistin ihr leiblich-seelisches Erleben in beiden Rollen bewusst erfassen und mentalisieren. 4. Die Schritte 6 und 8 verwirklichen äußerlich den Rollentausch, mit dem die Protagonistin natürlicherweise innerlich die Motivation Ihres Konfliktpartners prüfen würde. 5. Mit den Schritten 6 und 10 verwirklicht die Protagonistin zusätzlich auch die Technik des Spiegelns. Sie sieht sich selbst von außen aus der Rolle ihres Konfliktpartners mit dessen Augen und stellt dadurch ihre Selbstwahrnehmung in Frage (ebd., S. 30). Eine Patientin hatte die Selbstsupervision gelernt und sie zu Hause mehrfach angewandt. Sie berichtete erstaunt: „In der Rolle der anderen merke ich immer erst, dass ich mich selbst dem anderen gegenüber ganz unklar ausdrücke.“

Durch die psychodramatische Selbstsupervision erweitert die Protagonistin anders als beim bloßen Nachdenken die individuumzentrierte Sichtweise ihres Konflikts zu einer systemischen Sichtweise (siehe Fallbeispiele 1 und 2): Die Protagonistin vertritt im Spiel gegenüber ihrem Konfliktpartner zunächst offensiv ihre eigene Position. Im Rollentausch aber tritt sie innerlich ganz in die andere innere Welt ihres Konfliktpartners ein, in sein Denken, Fühlen und Wollen und in seine anderen Berufserfahrungen, privaten Beziehungen, Lebenserfahrungen, Werte und Normen. Im Ausspielen der Rollen gibt sie in ihrer eigenen Rolle radikal sich selbst recht, im Rollentausch gibt sie dann aber auch ihrem Konfliktpartner recht und stellt dadurch ihre eigene Sicht der Dinge in Frage. Wieder zurück in der eigenen Rolle stellt die Protagonistin oft fest, dass die scheinbar gegensätzliche Wahrheit ihres Konfliktpartners ihre eigene Wahrheit ergänzt und dass sie seine Wahrheit in ihre eigene Wahrheit zu integrieren hat (siehe Fallbeispiel 3). Der Rollentausch verwirklicht also das zirkuläre Fragen aus der systemische Therapie. Es ist außerordentlich schwer, einen Rollentauschs nur im Denken zu vollziehren. Versuchen Sie das als Leserin oder Leser einmal! Sie werden merken: Das erfordert im Denken eine unglaubliche Akrobatik. Deshalb schlage ich vor: Praktizieren Sie den Rollentausch lieber gleich psychodramatisch mithilfe von zwei Stühlen. Das ist einfacher.

In einem aktuellen Konflikt hängt die innere Konfliktverarbeitung mehr oder weniger fest. Das führt bei der Betroffenen meistens zu einer mehr oder weniger großen Abwehr durch Introjektion und/oder Projektion (ebd., S. 319 ff.). Das heißt: Sie übernimmt unbewusst unangemessene Wahrnehmungen oder Einschätzungen ihres Konfliktpartners. Und/oder sie schreibt ihrem Konfliktpartner etwas Eigenes zu, was nicht seiner Realität entspricht. Durch die psychodramatische Selbstsupervision entmischt die Protagonistin in ihrem inneren Konfliktbild Ich und Du mithilfe der zwei Stühle und des Rollentauschs. Durch die Anweisung, auf ihrem Stuhl in ihrer eigenen Rolle „alles herauszuhauen“ (3. Schritt), hebt die Protagonistin systematisch ihre Abwehr durch Introjektion auf. Im Rollentausch aber erkennt die Protagonistin auf dem Stuhl ihres Konfliktpartners in seiner Rolle dessen innere Wirklichkeit und wie dieser innerlich „tickt“. Dadurch hebt sie gegebenenfalls ihre Abwehr durch Projektion auf (siehe Fallbeispiel 1). Die psychodramatische Selbstsupervision löst bei privaten Konflikten den Beziehungskonflikt zu 60 Prozent auf durch Relativierung von Projektionen.

Die psychodramatische Selbstsupervision ist gelungen, wenn Sie als LeserIn oder Leser und Protagonistin oder Protagonist merken, dass sich Ihre innere Spannung und Ihr negativer Affekt im Konflikt auflösen und wenn Sie wieder neugierig werden auf die nächste reale Begegnung mit Ihrem Konfliktpartner. Sie sind dann in der Beziehung freier von Vorannahmen und wieder spontan im Sinne von Moreno (1974, S. 13). Fast jeder Mensch erzielt mit der psychodramatischen Selbstsupervision in nur 10-20 Minuten Arbeit Erfolge in seiner Konfliktbewältigung. Trotzdem haben alle Menschen einen inneren Widerstand, diese Methode anzuwenden. Denn psychodramatische Selbstsupervision ist anstrengend. Sie ist ein intensiver Orientierungsprozess in der Beziehungsdynamik des eigenen Konflikts: Die Protagonistin übernimmt in der Selbstsupervision aus eigenem Willen im Rollentausch die Rolle ihres Konfliktpartners und macht in ihrem eigenen Inneren seine entgegengesetzte Sicht und seine Gefühle lebendig. Wieder zurück in ihrer eigenen Rolle muss sie dann ihre eigene Sicht der Dinge weiterentwickeln und eventuell ihre eigene Wahrnehmung des Konflikts überdenken. Diese Arbeit strengt an, aber sie lohnt sich! In Ausnahmefällen kann es sein, dass eine Protagonistin aufgrund von eigenen Defiziten in der Fähigkeit, zu mentalisieren, nicht rollentauschfähig ist. Sie kann dann im äußeren Rollentausch ihre eigene Identität innerlich nicht halten und die Differenz zwischen ihrem eigenen Identitätserleben und dem Identitätserleben ihres Konfliktpartners nicht herausarbeiten. In diesem Fall sollte die Betroffene sich therapeutische Hilfe holen.

3. Anwendungsfelder und Lehre der Selbstsupervision

Angeregt durch das Vorbild einer Psychodramatherapeutin aus Budapest habe ich mich im Januar 2016 entschieden, selbst die Methode der psychodramatischen Selbstsupervision jede Woche einmal zu praktizieren. Ich halte dieses Versprechen mir selbst gegenüber auch weitgehend ein. Diese Übung ist für mich als eine Art Exerzitium, ein Übungsweg wie das tägliche Meditieren. Probieren Sie als Leserin oder Leser das auch einmal ein halbes Jahr lang! Sie werden dadurch spontaner, lebendiger und beziehungsfähiger. Sie verwirklichen dadurch in sich immer wieder neu das psychodramatische Menschenbild des spontan-kreativen Menschen und entwickeln es in sich weiter. Ich empfehle die Methode oft TeilnehmerInnen in Einführungsseminaren, TherapeutInnen, PsychodramatikerInnen oder auch AusbildungskandidatInnen zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung und zur eigenen Psychohygiene. Ich lehre die Methode aber oft auch PatientInnen, manchmal schon am Anfang der Therapie, meistens aber erst im letzten Drittel (ebd., S. 226 ff.). Wenn PatientInnen zu Hause jede Woche einmal Selbstsupervision machen, sparen sie wertvolle Therapiesitzungen.

Ich führe andere in die Methode ein, indem ich dem einzelnen Patienten oder einem Mitglied der Gruppe helfe, die 12 Schritte der Selbstsupervision am Beispiel eines eigenen Konflikts hier und jetzt im Therapiezimmer praktisch zu vollziehen: „Stellen Sie sich vor, Sie sind zu Hause allein in Ihrem Zimmer. Nehmen Sie sich einen Stuhl für sich selbst und stellen Sie einen zweiten Stuhl sich gegenüber hin für Ihre Konfliktpartnerin. Führen Sie jetzt mit Ihrer Mitarbeiterin ein fiktives psychodramatisches Gespräch.“ Ich lasse mir den Konflikt nicht vorher erzählen, doppele als Leiter nicht und übernehme auch selbst im Spiel keine Rolle. Der Patient soll in seinem Spiel „nur” auch wirklich alle 12 Schritte vollziehen. Nach Beendigung dieser Einführung in die Methode gebe ich dem Patienten eine Fotokopie der „12 Schritte der psychodramatischen Selbstsupervision“ (siehe Anhang) in die Hand: „Ich möchte, dass Sie diese Übung zu Hause einmal in der Woche praktizieren. Dann besprechen wir beim nächsten Mal miteinander Ihre Erfahrungen und klären eventuelle Fragen.“ In Seminaren stehen meistens keine 10-12 Räume für die Einzelarbeit zur Verfügung. Ich zeige die Methode dann an einem Abend mit einem Teilnehmer. Die anderen GruppenteilnehmerInnen erproben die Selbstsupervision abends zu Hause oder im Hotelzimmer mithilfe der Kopie der „12 Schritte“ (siehe Anhang). Am nächsten Morgen bespreche wir ihre Erfahrungen mit der Methode, indem ich gezielt frage: „Was war für Sie in Ihrem Spiel neu? Oder was ist Ihnen im Spiel deutlicher geworden?“

Wichtig ist, in der psychodramatischen Selbstsupervision schon kleine neue Erfahrungen im Spiel ausreichend zu würdigen. Das ist das Drama des Psychodramas. Es wirkt alles so einfach und selbstverständlich. Auf dem Hintergrund der methodenübergreifenden Theorie kognitiver Prozesse und des Mentalisierens (ebd., S. 24 ff.) können wir PsychodramatikerInnen aber erkennen, dass schon scheinbar kleine neue Erfahrungen im psychodramatischen Spiel einen großen Fortschritt in der inneren Konfliktverarbeitung bedeuten können (siehe Fallbeispiel 1). Eine Ausbildungsleiterin für Psychodrama meinte mir gegenüber einmal: „Ich mache die Selbstsupervision im Kopf!“ Ich bat sie: „Probier doch wenigstens einmal, das mit den Stühlen zu tun!“ Als wir uns wieder trafen, berichtete sie: „Die Selbstsupervision hat mir nichts gebracht!” Ich fragte sie: „Was hast Du denn konkret erlebt?” Sie antwortete: „Ach, ich bin in meiner Rolle nur ein bisschen traurig geworden.“ Ich entgegnete: „Wenn Du dieser Traurigkeit in deinem Beziehungskonflikt Berechtigung gibst, verändert das aber Dein inneres Beziehungsbild und dann ganz von allein auch Dein äußeres Verhalten in der Beziehung!“ Ein älterer Arzt meinte in einem Einführungsseminar in das Psychodrama, nachdem er die Übung abends in seinem Hotel erprobt hatte: „Die Methode bringt mir nichts!“ Der Leiter ihn seine Erfahrung schildern. Der Protagonist: „Ich habe meinen 28-jährigen Sohn auf den anderen Stuhl gesetzt und ihm dann alles gesagt, was ich wollte. Aber als ich dann in seiner Rolle war, habe ich gemerkt: Ich weiß eigentlich gar nichts von ihm! Die Methode bringt mir nichts!“ Der Leiter: „Wenn Sie von Ihrem Sohn nichts wissen, fragen Sie ihn doch einmal nach dem, was Sie von ihm gern wissen möchten!“ Eine junge Ärztin war nach der Übung ganz überrascht: „Das ist ja gut! Ich habe meinen 5-jährigen Sohn auf den anderen Stuhl gesetzt und zu ihm gesprochen. Da ist mir erst aufgefallen: Wenn ich meinem Sohn zu Hause etwas Wichtiges mitteilen will, sage ich ihm das immer im Vorbeigehen. Ich könnte mich mit ihm ja wirklich einmal so auf zwei Stühle setzen, wie ich das hier getan habe, und mit ihm reden!“

In der Paartherapie kann die Methode der psychodramatischen Selbstsupervision den Partnern helfen, durch eine stark belastende Krise hindurchzugehen. Oft zerstreiten sich Ehepartner zum Beispiel, wenn eines der Kinder sich destruktiv verhält oder schwierig ist. Jeder Ehepartner soll dann in Gegenwart des anderen einen fiktiven psychodramatischen Dialog mit der schwierigen Tochter führen und dabei die oben erwähnten 12 Schritte vollziehen. Jeder von beiden erkennt dabei dann das eigene Leiden und die eigene Ambivalenz zwischen Zorn und Verstehen und verarbeitet den Konflikt mit der Tochter durch den Rollentausch systemisch. Dadurch reagieren die Partner ihre intrapsychischen Affekte nicht mehr so leicht interpersonell am anderen Partner ab. Zum Beispiel agiert die Frau nicht mehr einseitig die Rolle derer, die Verständnis hat, und der Mann die Rolle dessen, der die schwierige Tochter konfrontieren will. Wenn in der Einzelsupervision für einen neuen Fall nur noch 20 Minuten Zeit sind, kann die Supervisorin die Supervisandin in ihrer Gegenwart psychodramatische Selbstsupervision machen lassen und dabei kleine Hilfestellungen geben. Die Supervisandin soll vor dem Spiel nichts über ihren Fall erzählen. Denn das wichtige Material erscheint im Spiel erfahrungsgemäß von allein. Oft kommt eine Supervisandin auf diese Weise trotz der kurzen Zeit in ihrem Fall einen großen Schritt weiter.

4. Selbstsupervision in der Psychotherapie und in der Beratung

In der Psychotherapie ist die Therapeutin bei Störungen in der therapeutischen Beziehung immer mehr oder weniger stark in eine Gegenübertragungsreaktion fixiert. Dann wiederholt sich in der Beziehung ein immer gleiches Interaktionsmuster. Das behindert den Fortschritt in der Therapie. Im Psychodrama hindern Gegenübertragungsreaktionen die Therapeutin, die Psychodramatechniken angemessen einzusetzen (ebd., S. 51 ff.). Zum Beispiel wird die Therapeutin bei einer eigenen unbewussten Identifikation oder Gegenidentifikation mit dem Patienten wahrscheinlich „vergessen”, den Protagonisten in seinem Spiel einen Rollentausch machen zu lassen. Die psychodramatische Selbstsupervision kann der Therapeutin helfen, ihre Gegenübertragungsreaktionen aufzulösen. Die Therapeutin erkennt den Erfolg ihres Bemühens dann an drei wichtige Indizien: 1. Ihr innerer Spannungszustand in der Beziehung zu dem Patienten vergeht. 2. Ihr auf den Patienten bezogener negativer Affekt verschwindet. 3. Sie wird neugierig auf die nächste reale Begegnung mit ihrem Patienten. Durch die Veränderung ihres inneren Beziehungsbildes nimmt die Therapeutin den Patienten in der nächsten realen Begegnung anders wahr und handelt ihm gegenüber deshalb auch anders (siehe Fallbeispiel 1 und 2).
In der Gruppenselbsterfahrung, der Gruppentherapie oder in Seminaren führen Störungen auf der Beziehungsebene leicht dazu, dass die Therapeutin in die Alpha-Position der Gruppe gerät („Mir nach, so kommen wir zum Erfolg!”). Das blockiert dann die Spontaneität und Kreativität in der Gruppe. Deshalb sollte eine Gruppenleiterin, wenn sie sich in der Gruppe unwohl fühlt, zu Hause psychodramatische Selbstsupervision machen. Sie sucht dazu innerlich nach dem Gruppenmitglied, das sie am ehesten stört. Mit diesem „Gruppenmitglied“ klärt sie dann psychodramatisch die Beziehung.

Fallbeispiel 2: Vor sechs Jahren konnte ich in Budapest während eines Seminars nachts in meinem Hotel nicht schlafen. Ich ärgerte mich über einen ständig unzufriedenen Gruppenteilnehmer. Ich stand deshalb nachts um ein Uhr auf und machte Selbstsupervision mit „Herrn F.“. Leiter: „Ich finde Sie arrogant!“ Im Rollentauch in der Rolle von Herrn F.: „Ich finde Sie auch arrogant!“ Zurück in meiner eigenen Rolle überlegte ich verwundert: „Wenn ich Herrn F. ernst nehme, was könnte er wohl an mir arrogant finden!?“ Mir fiel ein, dass die GruppenteilnehmerInnen gesagt hatten, dass sie in Ungarn bei protagonistzentrierten Spielen schnell nach ähnlichen Erfahrungen der ProtagonistInnen in der Kindheit suchen und diese dann spielen lassen. Ich aber hatte die Auffassung vertreten: Die ProtagonistInnen sollten mit der Hilfe des Leiters und der Gruppe ihre gegenwärtigen Konflikte zunächst im Spiel über die Realität hinaus lösungsorientiert zu Ende verarbeiten, bevor Kindheitsszenen gespielt werden (ebd., S. 326 ff.). Durch die Konfrontation mit „Herrn F.“ merkte ich: Ich hatte mich wenig für die „ungarische Art der Beziehungsklärung“ interessiert. Diese Erkenntnis machte mich neugierig. Ich überlegte, ob die beiden Vorgehensweisen eventuell unterschiedliche therapeutische Wirkungen haben. Am nächsten Morgen fragte ich die Protagonistin, ob sie bereit wäre, ihren am Abend auf meine Art bearbeiteten Ehekonflikt eventuell noch einmal „auf ungarische Art“ zu spielen, damit wir beide Vorgehensweisen miteinander vergleichen könnten. Sie stimmte zu. Leider wollte kein ungarisches Gruppenmitglied das Alternativspiel leiten. Die nächtliche Selbstsupervision war für mich aber trotzdem hilfreich gewesen. Denn ich war danach sofort eingeschlafen. Mein innerer Konflikt war verschwunden gewesen, weil ich die Wahrheit des Herrn F. erkannt hatte, des Omega der Gruppe, der auf der Basis von Schwäche und Unterlegenheit gegen mich als Alpha protestiert hatte: “Auch die TherapeutInnen in Ungarn sind erfahrene PsychodramatikerInnen und überlegen sich, was sie tun!” Ich hatte die Wahrheit des Herrn F. als ergänzende Wahrheit in meine eigene Wahrheit zu integrieren. Dadurch gelangte ich aus der Alpha-Position der Gruppe wieder in die Beta-Position, in die Ja-aber-Position (ebd., S. 66 ff.).

TherapeutInnen können bei Störungen in der therapeutischen Beziehung durch psychodramatische Selbstsupervision etwa 40 Prozent ihrer Fälle ohne Hilfe durch eine Supervisorin oder einen Supervisor lösen. In weiteren 50 Prozent der Fälle gelangen sie zwar zu einer neuen Erkenntnis, oder es wird ihnen etwas deutlicher, aber ihr innerer Spannungszustand und ihr negative Affekt in der Beziehung zu dem Patienten verringern sich nicht. Das ist ein diagnostischer Hinweis darauf, dass der negative Affekt eine angemessene Reaktion der Therapeutin auf Spaltungsvorgänge in der Selbstorganisation des Patienten ist. Das heißt: Der Patient delegiert durch sein Agieren in der therapeutischen Beziehung einen abgespaltenen Selbstanteil auf die Therapeutin. Die Therapeutin aber introjiziert unbewusst mit ihren Empathieprozessen Dinge in ihr Ich, die nicht zu ihr selbst, sondern zu dem Patienten gehören. Das löst bei ihr reaktiv einen negativen Affekt aus (ebd., S. 150 ff., S. 156 ff.). Die Therapeutin sollte in einem solchen Fall die psychodramatische Selbstsupervision mit den folgenden fünf zusätzlichen Schritten fortsetzen (ebd., S. 125 ff.):

13. Die Therapeutin vollzieht innerlich einen Paradigmenwechsel und zentriert ihre Aufmerksamkeit nicht mehr auf den Patienten, sondern auf sich selbst. Sie gibt ihrer eigenen Störung in der Beziehung Berechtigung.

14. Sie erinnert sich daran, wie sie sich vor den 12 Schritten der Selbstsupervision dem Patienten gegenüber gefühlt hatte. Sie benennt ihren damaligen eigenen inneren Affekt, zum Beispiel: „Ich habe Angst gehabt, war ärgerlich, ohnmächtig, verwirrt” o.a.

15. Sie erfasst, mit welchem konkreten Verhalten der Patient bei ihr diesen negativen Affekt ausgelöst hatte. Dabei zentriert sie ihre Aufmerksamkeit nicht auf die Inhalte seiner Mitteilungen, sondern auf den metakognitiven Prozess, mit dem der Patient diese Inhalte produziert hatte. Sie erfasst also zum Beispiel nicht die Inhalte seiner Selbstentwertung („Das ist bei mir immer so! Ich nehme mich dann zurück. Ich kann das nicht anders! Ich bin unfähig!”). Stattdessen zentriert sie ihre Aufmerksamkeit auf den von ihm agierten dysfunktionalen Prozess des „selbstverletzenden Denkens“ (ebd., S.120 f.) und antwortet: „Ich nenne das selbstverletzendes Denken, was Sie mit sich gerade machen. In Ihnen gibt es eine selbstentwertende Stimme, die zu Ihnen sagt: ’Was? Du hast einen eigenen Willen? Schäm Dich! Du bist rücksichtslos und egoistisch! Komm, verschwinde! Dich will hier niemand!’”

16. Die Therapeutin setzt die Selbstsupervision fort. Sie repräsentiert das selbstverletzende Denken des “Patienten” nach dem Prinzip „Aller Schiet muss raus!“ als leeren Stuhl ihm gegenüber (ebd., S. 96). Es gibt auch andere dysfunktionale Ich-Zustände, die der Patient vielleicht agiert: das „Selbstschutzverhalten durch Anpassung oder durch Grandiosität“, „sein inneres traumatisiertes oder verlassenes Kind“ (ebd., S. 115 ff.), „sein inneres wütendes Kind“, sein „traumatisiertes Ich“ (ebd., S. 186 ff.) oder sein „süchtiges Denken und Fühlen“ (ebd., S. 462 ff.). In einem solchen Fall symbolisiert die Therapeutin diesen anderen dysfunktionalen Ich-Zustand als zweiten Stuhl neben dem Patienten. Bei einem Verdacht auf eine Borderline-Organisation des Patienten stellt die Therapeutin neben ihn einen zweiten Stuhl auf für seine „anhänglich bedürftige Seite“, wenn er gerade autoritär und willkürlich agiert, oder einen zweiten Stuhl für seine konträre „autoritär willkürliche Seite“, wenn er gerade seine bedürftige Seite lebt (ebd., S. 128 ff.).

17. Die Therapeutin setzt die Selbstsupervision fort. Sie verschiebt im Rollentausch in beiden Rollen innerlich das dysfunktionale Agieren des Patienten immer wieder auf den zweiten Stuhl, der außen im Zimmer seinen dysfunktionalen Ich-Zustand repräsentiert. Wenn sich der innere Spannungszustand und der negative Affekt der Therapeutin gegenüber ihrem „Patienten“durch die Schritte 13-17 der Selbstsupervision auflösen, ist das ein diagnostischer Hinweis darauf, dass der Patient an einer Persönlichkeitsstörung leidet oder/und in ein starres Abwehrsystem fixiert ist.

Die Therapeutin kann mit der psychodramatischen Selbstsupervision auch therapeutische Interventionen erproben. Wenn sich das Problem in der therapeutischen Beziehung durch die Schritte 13-17 der Selbstsupervision auflöst, kann sie diese Schritte auch real in der Therapie des Patienten als Interventionstechniken einsetzen. Sie kann in der Selbstsupervision aber auch probeweise Dinge ansprechen, bei denen sie fürchtet, dass der Patient darauf in der realen Begegnung allergisch reagieren könnte. Anschließend überprüft sie im Rollentausch mit dem „Patienten“, ob ihre Intervention sie in der Rolle des „Patienten“ innerlich erreicht und progressiv in Bewegung bringt oder ob sie als Patient dadurch tief gekränkt ist und überlegt, die Therapie abzubrechen. Wenn die Therapeutin in der Rolle des Patienten erlebt, dass sie in dieser Weise negativ reagiert, wendet sie diese Intervention in der realen Begegnung mit dem Patienten natürlich nicht an.

Sie können als Leserin oder Leser die Schritte 13-17 der Selbstsuperivision bei Bedarf auch bei der Klärung von privaten Konflikten nutzen.. Das führt dann dazu, dass Sie ein eventuell vorhandenes dysfunktionales Agieren ihres “Konfliktpatners” nicht mehr auf sich beziehen . Sie ordnen es innerlich Ihrem “Konfliktpartner” zu. Das entspannt die Beziehung. Sie können den Konfliktpartner dann auch in der Realität eher so akzeptieren, wie dieser von seinem Charakter her ist. Sie begegnen sich auf Augenhöhe. Ihre Kooperation verbessert sich.

5.  Wissenschaftliche Untersuchungen zur psychodramatischen Selbstsupervision

Für Beraterinnen und Berater haben Marlok, Török, Martos und Czigány (2016) in einer experimentellen Wirksamkeitsuntersuchung nachgewiesen: Die psychodramatische Selbstsupervision macht die Beratungsarbeit mit KlientInnen wirksamer. Die AutorInnen verglichen in der Untersuchung die psychodramatische Selbstsupervision mit einer Selbstsupervisionstechnik, die auf dem Schreibparadigma von Pennebaker (1997) beruht. In der Selbstsupervision nach Pennebaker schreibt die Beraterin oder der Berater unkontrolliert ihre/seine eigenen Gedanken und Gefühle zu einer Beratung auf. Beide Techniken der Selbstsupervision tragen „zur Abnahme der Gefühle von emotionaler Belastung und Blockade bei … Bei der Selbstsupervision mit Rollentausch verbesserte sich aber signifikant stärker die Fähigkeit, sich dem … Klienten zuzuwenden und ihn … wirklich hilfreich zu beraten“.

Eine von mir selbst durchgeführte qualitative Untersuchung bestätigt dieses Ergebnis auch für die Psychotherapie. Sechs TherapeutInnen machten jeweils für drei ihrer PatientInnen fünf Monate lang nach jeder vierten Sitzung 10-20 Minuten lang eine psychodramatische Selbstsupervision. Sie schrieben die Ergebnisse auf und verglichen diese drei Therapien mit drei anderen Therapien mit ähnlichem Schweregrad, bei denen sie keine psychodramatische Selbstsupervision machten. Die Frage war: Gab es Unterschiede und, wenn ja, welche? Im folgenden fasse ich die Antworten der TherapeutInnen zusammen, ohne damit für jede Therapeutin und jeden Patienten eine Aussage über das Ausmaß der Veränderung machen zu wollen: 1. In den Therapien mit psychodramatischer Selbstsupervision fühlten die TherapeutInnen sich ihren PatientInnen insgesamt stärker verbunden im Sinne von vorbehaltloser Annahme. Die Verständigung und die Begegnung waren tiefer. Die Angst der Therapeutin, durch die eigene Empathie mit in das Leiden des Patienten hineingesogen zu werden, verringerte sich. Auf der Basis des sicheren Bezugs zu sich selbst entstand wahres Mitgefühl mit dem Patienten 2. Durch die Selbstsupervision wurden eigene Introjektionen, Projektionen, Gegenübertragungsreaktionen und bisweilen auch Übertragungen aufgelöst. 3. Die TherapeutInnen verstanden durch das leiblich-seelische Erleben in beiden Rollen dianostisch die inneren dynamischen Prozesse ihrer PatientInnen besser. 4. Die Therapeutinnen waren nicht so schnell unterschwellig genervt und hingen weniger an vorgefassten Hypothesen fest. Die realen Begegnungen mit den PatientInnen wurden dadurch spontaner und kreativer. Die TherapeutInnen staunten häufiger und waren neugieriger auf ihre PatientInnen und mehr authentisch interessiert. 5. Die TherapeutInnen nahmen ihre eigenen Affekte in der Beziehung leichter wahr und sprachen diese ihren PatientInnen gegenüber offener aus. Sie hatten mehr Mut, ihre PatientInnen empathisch zu konfrontieren. Dabei fühlten sich die PatientInnen aber trotzdem verstanden und unterstützt. Die Patienten wurden offener und herzlicher. Sie trauten sich auch selbst eher, eigene Irritationen in der therapeutischen Beziehung anzusprechen und in ihrem Alltag Neues zu erproben. 6. Die TherapeutInnen wurden geduldiger mit ihren PatientInnen und mit sich selbst. Ein Therapeut zum Beispiel hatte in der Behandlung einer traumatisierten, chronischen Schmerzpatientin keinen Therapiefortschritt gesehen und sich selbst ohnmächtig und inkompetent gefühlt. In der Selbstsupervision erkannte er, dass er doch stützend und förderlich arbeitete.
Die Psychiaterin, Psychodramatherapeutin und Psychoanalytikerin Marén Möhring (2017, schriftliche Mitteilung) machte bei drei Behandlungsfällen psychodramatische Selbstsupervision, parallel dazu bei drei im Schwierigkeitsgrad ähnlichen Therapien Supervision bei einem Psychoanalytiker. Sie schrieb: „Die Selbstsupervision ermöglichte gerade in schwierigen Behandlungsphasen und bei komplementären Gegenübertragungsreaktionen … eine rasche Klärung. Dadurch fühlte ich mich besser und war in meinen Interventionen sicherer … Das bewirkte auch bei den Patienten eine Veränderung. Sie wurden offener und herzlicher, und bei mir entwickelte sich … wahres Mitgefühl für die Patienten. Die psychoanalytische Supervision durch einen Supervisor bietet durch die verbale Reflexion mit Sprachbildern, Einfällen und Rückmeldungen auch des Supervisors mehr Raum zum Nachspüren und Nachdenken. Gerade bei unbewussten konkordanten Identifikationen können Ich und Du wieder voneinander unterschieden werden. Das theroretische Verständnis des Behandlungsgeschehens wird erweitert und vertieft.”

Diese Untersuchungsergebnisse für die psychodramatische Selbstsupervision ohne Leitung durch eine professionelle Fachkraft gleichen in erstaunlicher Weise den Ergebnissen einer qualitativen Studie über die Wirksamkeit des Rollentauschs in der Einzelsupervision mit Leitung durch eine Supervisorin oder einen Supervisor (Daniel 2016). Wie ist das zu erklären? Szönyi (2016) meint kritisch, dass psychodramatische Selbstsupervision „nur“ eine besondere Art der Selbstreflexion sei. Denn „Supervision“ setze die Hilfestellung durch eine zweite Person voraus. Psychodramatische Selbstsupervision ist aber weitaus mehr als Selbstreflexion. Erproben Sie als Leserin oder Leser diese Methode einmal selbst! Sie werden den Unterschied zur Selbstreflexion merken! Denn in der psychodramatischen Selbstsupervision wenden Sie im psychodramatischen Dialog auf sich selbst systematisch die Werkzeuge Ihres eigenen natürlichen Mentalisierens als Psychodramatechniken an (Krüger 2015, S. 29 ff.). Die geschilderten 17 Schritte der psychodramatischen Selbstsupervision sind in der Summe ein ganzheitliches Modell der Verarbeitung von Beziehungskonflikten, mit denen Sie potentiell systematisch die bei Ihnen eventuell vorhandenen Blockaden in Ihrer Konfliktverarbeitung einzeln auflösen können.

Moreno empfahl beim russischen Psychologenkongress 1966 an der Lomonossow Universität in Moskau in den Zeiten des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion, dass die Präsidenten beider Staaten mithilfe eines Soziaters zwischen ihren Verhandlungen immer wieder einmal einen Rollentausch miteinander machen sollten (Grete Leutz 2017, mündliche Mitteilung). Das würde die Beziehung zwischen den Präsidenten verbessern und die Verhandlungen erfolgreicher machen. Wir wissen heute, dass diese Idee eine Utopie geblieben ist. Durch das Praktizieren der psychodramatischen Selbstsupervision können wir aber den Rollentausch für die Konflikte in unserem eigenen Leben nutzen. Wir denken dadurch mehr systemisch und handeln eher nach dem Motto „Dem anderen gerecht werden wie mir selbst“. Aus dem „Entweder-oder“ wird ein „Sowohl-als-auch“. Große Ideen müssen in die Realität integriert werden. Sonst werden sie zu einer Ideologie oder Illusion. Die Förderung der Beziehungsfähigkeit bei Menschen, die mit Menschen zu tun haben, ist gerade in der heutigen Zeit erforderlich. Der Autoritarismus und der politische Narzissmus bedrohen in vielen Staaten die demokratischen Institutionen und die Gewaltenteilung. Wir handeln im Kleinen politisch, wenn wir selbst die Methode der psychodramatische Selbstsupervision praktizieren und wenn wir diese Methode in den verschiedensten Anwendungsfeldern anderen vermitteln.

Literatur

Daniel, S. (2016). The usefulness of role reversal in one-to-one supervision: a qualitative research project using heuristic enquiry. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie 15 (Suppl. 7): 235-253.
Krüger, R. T. (2015). Störungsspezifische Psychodramatherapie – Theorie und Praxis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Marlok, Z., Török, G., Martos, T., Czigány, L. (2016). Wirksamkeitsuntersuchung zur Selbstsupervision mit Rollentausch unter Angehörigen helfender Berufe. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie 15 (Suppl. 7): 217-233.
Moreno, J. L. (1974). Die Grundlagen der Soziometrie. Wege zur Neuordnung der Gesellschaft (3. Aufl.). Opladen: Westdeutscher Verlag.
Pennebaker, J. W. (1997). The healing power of expressing emotions. New York: Guilford Press.
Szőnyi, G (2016): Hozzászólás. Meddig érdemes tágítani a szakmai fogalmakat? (Übersetzt: Beitrag. Wie weit lohnt es sich, die Bedeutung einer Fachterminologie zu erweitern?) Pszichoterápia 25(4), S. 349-350.

Reinhard T. Krüger, 1944, Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in eigener Praxis. Schwerpunkte: Störungsspezifische Psychodramatherapie, psychodramatische Einzeltherapie und theoretische Begründung des Psychodramas. Ausbildungsleiter und Supervisor für Psychodrama am Moreno-Institut Edenkoben/Überlingen.

Korrespondenzanschrift:
Krüger, R. T.
Riethof 7
D-30916 Isernhagen
Deutschland
E-Mail: krueger.reinhard@htp-tel.de

Krüger, R. T. (2015). Störungsspezifische Psychodramatherapie – Theorie und Praxis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 37ff.

Die 12 Schritte der „Psychodramatischen Selbstsupervision“

Vollziehen Sie bei der psychodramatischen Selbstsupervision die folgenden 12 Schritte:
1. Suchen Sie sich einen Raum, in dem sie allein und ungestört sind.

2. Stellen Sie für Ihren Konfliktpartner oder den problematischen Patienten einen leeren Stuhl vor sich hin und imaginieren Sie den Konfliktpartner darauf sitzend.

3. Der dann folgende psychodramatische Dialog soll ein rein fiktives Gespräch sein. Sprechen Sie also über die Realität hinaus Ihrem Konfliktpartner gegenüber alles aus, was Sie denken und fühlen. Hauen Sie alles heraus! Verhalten Sie sich also zum Beispiel als Therapeutin Ihrem „Patienten“ gegenüber nicht therapeutisch, sondern muten Sie sich ihm im psychodramatischen Dialog authentisch und frei zu, auch wenn Sie ihn in der realen Begegnung durch ein solches Verhalten eventuell verletzen würden. Sie werden Ihren Konfliktpartner dadurch nicht real kränken, weil dieser sich in Wirklichkeit ja gerade ganz woanders aufhält.

4. Blicken Sie zu dem leeren Stuhl des Konfliktpartners hin, legen Sie fest, was dieser ganzheitlich ausstrahlt, und stellen sie sich vor, welche Körperhaltung dieser auf dem anderen Stuhl einnimmt.

5. Was löst der Anblick Ihres Konfliktpartners in Ihnen gefühlsmäßig aus? Teilen Sie ihm verbal mit, was Sie fühlen.

6. Im Rollentausch antworten Sie in der Rolle des Konfliktpartners so, wie Sie glauben, dass Ihr Konfliktpartner antworten würde. Achten Sie darauf, dass Sie dabei auch wirklich die Körperhaltung des Konfliktpartners einnehmen. Denn nur so kommen Sie in die Rolle Ihres Konfliktpartners hinein. Sie können diese Feststellung überprüfen: Nehmen Sie versuchsweise auf dem Stuhl Ihres Konfliktpartners eine ganz andere Haltung ein, zum Beispiel eine sehr lässige oder eine sehr aufrechte. Sie werden merken, dass eine andere Körperhaltung in Ihnen leiblich-seelisch ein anderes Denken und Fühlen aktiviert. Es geht bei Ihrem Spiel in der Rolle Ihres Konfliktpartners bitte nicht darum, dass Sie lernen, sich in diesen besser einzufühlen, sondern darum, dass Sie erkennen, wie dieser tickt!

7. Reden Sie bitte in jeder der beiden Rollen laut.

8. Achten Sie darauf, während des fiktiven Gesprächs häufig die Rollen zu tauschen. Denn wenn Sie Ihrem Konfliktgegner vieles nacheinander ohne Rollentausch sagen, können Sie in der Rolle des anderen nicht mehr auf jede Mitteilung einzeln reagieren.

9. Spüren Sie in ihrer eigenen Rolle immer wieder nach, was Sie leiblich-seelisch fühlen und benennen Sie innerlich Ihren Affekt. Verwechseln Sie dabei bitte nicht Ihr Fühlen mit dem, was Sie nur denken. Sprechen Sie Ihre Gefühle Ihrem Konfliktpartner gegenüber während des Dialogs immer wieder offen aus.

10. Spüren Sie mindestens einmal im Rollentausch auch in der Rolle Ihres Konfliktpartners nach, was Sie leiblich-seelisch fühlen, und benennen Sie Ihren Affekt in seiner Rolle. Lassen Sie dabei alle Interpretationen weg. Interpretationen würden Sie nur hindern, Ihr leiblich-seelisches Erleben in seiner Rolle unmittelbar zu erfassen.

11. Beenden Sie den Dialog, wenn Sie intuitiv spüren: „Ich habe verstanden, um was es geht!“ Oder wenn Sie nach 15 bis 20 Minuten merken: „Weiter komme ich jetzt nicht.“

12. Am Ende des psychodramatischen Dialogs schreiben Sie bitte sofort auf ein Blatt Papier Ihre Antworten auf die folgenden Fragen auf: „Was habe ich vor dem Spiel in der Beziehung gefühlt und über den anderen gedacht?” „Was war jetzt hier in dem Spiel in meinem konkreten Erleben für mich neu, was wusste ich vorher nicht?“ „Was wurde mir in dem Spiel deutlicher, als es vorher war?“ Es ist wichtig, dass Sie Ihre Antworten sofort notieren! Denn Sie vergessen Ihre neuen Erfahrungen im Spiel sonst innerhalb weniger Stunden. Schon scheinbar kleine neue Erfahrungen können aber für Ihre Konfliktverarbeitung von großer Bedeutung sein
Psychodramatische Selbstsupervision nach diesen Vorgaben führt in 80-90 Prozent der Konflikte innerhalb von nur 10-20 Minuten zu neuen Erkenntnissen und zu einer inneren Entspannung. Sie erweitert Ihr inneres Bild der Beziehung mit Ihrem Konfliktpartner und verändert deshalb in der nächsten realen Begegnung mit Ihrem Konfliktpartner auch Ihr äußeres Handeln.

Scroll Up