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Psychodrama in Gaza – ein Erfahrungsbericht von Agnes Dudler

Nach langer Unsicherheit, ob wir überhaupt nach Gaza einreisen können nach erster Ablehnung unseres Einreiseantrages diesmal, hat es gut geklappt. Klar war es aber erst am Sonntagmorgen, 7.5., als wir in Israel in Erez Crossing bei der Militärkontrolle standen; auf dem Bildschirm erschien bei unseren permits noch „Denied“, aber ein Anruf beim zuständigen Offizier bestätigte dann das mündliche „ja“.

Zügig kamen wir durch und waren um 9.35 h an der Hamas-Grenze nach Gaza. Aber da wurden wir erst um kurz vor 11 Uhr abgeholt, weil unsere permits von der Gazabehörde nicht fertig waren. Mitleidig kümmerten sich die zuständigen Offiziere um uns und ließen uns Kaffee und Sweets bringen.

Als wir kurz vor 12 endlich bei der Gruppe waren, hatten die schon ganz gut vorgearbeitet. Eine Fülle von Fragen erwartete uns, die zeigten, dass nun die meisten angefangen hatten, psychodramatisch mit Kindergruppen zu arbeiten.

Diesmal ist Fabian Blobel mit uns gefahren, der viel mit Jugendlichen von 13 – 18 gearbeitet hat. Er hat 2 Tage bestritten mit Informationen, die dankbar aufgenommen wurden. Seine plastische Darstellung, was im Hirn von Jugendlichen passiert und was unter Stress möglich bzw. nicht möglich ist, kam gut an.

Mittwoch war das Thema Abschied und wir stellten mit einer „Kinder“Gruppe einmal vor, wie der Abschluss einer Gruppe vorbereitet und gespielt werden kann. Dabei klang natürlich auch der Abschied hier in der Gruppe an. Vorgesorgt war schon dadurch, dass wir beim letztenmal die Zuständigen darin unterstützt haben, sich für eine Fortsetzung der Gruppe als Supervisionsgruppe mit Enas und Insharah als Leitung stark zu machen. Das ist gelungen. Sie treffen sich weiterhin einmal (statt bisher 2mal) pro Monat und wollen auch trotz ihrer großen Zahl zusammenbleiben und sich nicht teilen.

Der Druck wächst, die Lebensbedingungen sind schwierig

Wenn man sich den wachsenden Druck und die zunehmenden Einschränkungen in Gaza vorstellen kann, versteht man erst richtig, wie wichtig es ist, eine solche Bezugsgruppe zu haben, in der viel Vertrauen und gegenseitiges Verständnis aufgebaut wurde über die drei Jahre.

In Gaza gibt es seit längerem nur 1 – 4 Stunden Strom pro Tag bzw. Nacht, also manchmal von 22 – 2 Uhr, manchmal von 8.30 – 9.30 oder etwas länger. Büros, Geschäfte, Krankenhäuser und Wohlhabende haben Generatoren, aber die normale Bevölkerung nicht. Und wenn dann nachts die Waschmaschinen laufen sollen, ist oft kein Wasser da.

Diesmal geht der Druck von der Regierung in Ramallah aus, die auch die Gehälter der ehemaligen Fatah-Angestelten um 30 % gekürzt hat, eben um Druck zu machen. Die Hamasregierung hat wenig Geld und zahlt oft auch ihre über 40.000 Angestellten nicht oder verspätet. Geld, das von außen, z.B. Katar hereinkommt, landet selten bei der Bevölkerung.

Dafür haben wir sehr viele teuer aussehende neue Moscheen gesehen, meist noch im Bau, die keiner braucht. In den wohlhabenden Vierteln und an der Strandpromenade entlang war und wurde viel gebaut und auch das Militär ist mehr geworden. Nicht mehr nur in Schwarz trifft man sie; es gibt auch die typischen olivgrundigen Tarnanzüge und dasselbe Muster in weiß-grau und kräftigen blau-grau-Tönen, schick. Wozu sind sie da? Arbeitsbeschaffung, gegen Israelis, die eigene Bevölkerung?

An einem Nachmittag kamen wir an einer Gruppe älterer Männer vorbei, die uns nachriefen: „Tell them in Europe we are not all terrorists. We want to live in peace.“
Die Bevölkerung leidet und es gibt immerhin Hoffnung, dass das Hamassystem unblutig zusammenbricht. Niemand will einen erneuten Bruderkrieg wie 2006/2007.

Am Mittwochnachmittag wurden waren wir eingeladen in ein Waisenhaus, wo 2 Kolleginnen uns an einer Sitzung ihrer Arbeit mit den 8 aggressivsten 9-jährigen Jungen teilnehmen ließen. Alle Achtung, sie haben zwar noch viel zu lernen, aber auch viel geschafft. Immerhin kommen die Kinder gern in die Gruppe, die zu groß ist, um wirklich effektiv auf die starke Bedürftigkeit der Jungs eingehen zu können. Es ist ein Problem in Gaza, bei den vielen behandlungsbedürftigen Kindern, die Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass man mit so vielen traumatisierten Kindern in einer Gruppe bestenfalls pädagogisch arbeiten kann, aber nicht auf Einzelne therapeutisch eingehen.

Bewegend und feierlich: Zertifikatsvergabe und Evaluation

Donnerstagmorgen stand ein weiterer Evaluationsschritt an und der Abschluss, zunächst psychodramatisch, dann mit dem Direktor des GCMHP, der Abteilungsleiterin für Training, Education und Research, die auch Gruppenmitglied ist, und einem Projektleiter. Unsere Zertifikate wurden noch vom GCMHP gestempelt und für jede/n TeilnehmerIn in eine aufwendige Mappe gelegt. Feierliche Reden wurden gehalten, feierliche und bewegte Zertifikatsübergaben durch uns und für jede/n eines der Lehrbücher zur Kinderpsychodrama-Gruppentherapie in Englisch. (Das Buch wurde durch unsere Initiative ins Englische übersetzt und ist im März im Springer Verlag erschienen.)

Es gab eine riesige Torte und ein kleines Feuerwerk und Konfetti. Wir Trainer bekamen in kostbarer Holzkiste je einen bronzenen Teller als Dank überreicht, rührend – aber wohin damit?

Zu Herzen gehend waren aber die vielen dankbaren Worte und auch die Ergebnisse der persönlichen und professionellen Evaluation der Teilnehmerinnen. Nicht alle sind für die Methode geeignet, aber sie haben alle persönlich und in ihrer professionellen Haltung davon profitiert. Und einige sind sehr engagiert und begabt. Es wäre schön, wenn sie in nicht zu ferner Zeit selbst das Kinderpsychodrama unterrichten könnten, wie es für das Erwachsenenpsychodrama schon erreicht ist.

Enas Jouda und Insharah Zakout, die Leiterinnen der begleitenden Psychodrama-Grundstufe waren, wurden von uns zu Psychodrama-Trainerinnen ernannt und erhielten dazu ein Zertifikat. Sie haben es mehr als verdient, eine so große Gruppe, 19 Teiln., über so lange Zeit und unter so schwierigen Bedingungen mit so gutem Ergebnis zu leiten, ist wirklich eine Leistung. Immerhin sind in der Gruppe z.T. Freundinnen, Kolleginnen, vor 2 Jahren wurde eine Teilnehmerin zur Abteilungsleiterin ernannt und ist nun Vorgesetzte einer der Leiterinnen; das sind Bedingungen, die man in Deutschland als unmöglich bezeichnen würde und die Betreffendein verschiedenen Gruppen schicken. Das ist aber in Gaza nicht möglich, es ging nur so oder gar nicht für Viele. Und so haben wir versucht, tragbare Umgansgweisen zu finden, und das ist gelungen.

Auf jeden Fall brauchen sie noch viel Unterstützung. Wenn es klappt, werde ich im Oktober mit einer Kollegin hinfahren, die sehr viel Erfahrung hat in der psychodramatischen Arbeit mit schwierigen Jugendlichen und Schulklassen, Straftätern und noch nicht strafmündigen Jugendlichen. Ursula Hauser und Maja Hess werden weiter einmal im Jahr zur Supervision der Arbeit mit Erwachsenen hinfahren und Stefan zur Supervision der Arbeit mit Kindergruppen und jeweils eine Kollegin mit einem Spezialgebiet mitnehmen.

Hoffen wir, dass es trotz der schwierigen Lage dort friedlich weitergeht.

Rückreise mit Schwierigkeiten

Immerhin haben wir inzwischen einen prima Taxifahrer gefunden, der uns gern an die Grenze nach Gaza fährt und auch verlässlich wieder abgeholt und zum Flughafen gebracht hat. Da haben wir schon anderes erlebt. Er war ganz begeistert von unserem Vorschlag für die 2-Staatenlösung: die orthodoxen beider Seiten zusammen und die anderen in einem eigenen Staat.

Auch in Gaza kennen und begrüßen uns inzwischen einige wie der Besitzer und ein Kellner des Fischrestaurants, wo wir abends oft essen, der Besitzer des Saftladens, wo man frisch gepresste Säfte bekommt; in unseren beiden Lieblingscafes werden wir immer herzlich begrüßt, das macht die Arbeit und auch die Freizeit in Gaza deutlich leichter. Dazu kommt die Freude, dass der Aufwand sich lohnt und die KollegInnen vom Psychodrama sehr profitieren.

Die Kontrollen bei der Wiedereinreise nach Israel werden nicht weniger. Inzwischen darf man keine Lebensmittel mehr mitnehmen. Das handhaben sie aber sehr uneindeutig. Kaffee und Salbei wurden uns schon an der ersten Stelle abgenommen. Nach dem Durchleuchten werden alle Gepäckstücke geöffnet und man erhält alles zerfleddert in einer großen Wanne zurück. mein Restmüsli musste ich wegwerfen, Äpfel durfte ich behalten, und die palästinensischen Süßigkeiten auch, allerdings war die Packung an einer Seite aufgerissen und etwa 8 Stück fehlten. Es hat ihnen hoffentlich geschmeckt. Wir waren rechtzeitig in Ben Gurion, obwohl Fabian unerfahren bei der Nachfrage des Grenzsoldaten wo wir herkämen „Gaza“ antwortete. Auch der Taxifahrer fürchtete, wir müssten jetzt alles nochmal durchchecken lassen, aber wir wurden nur gefragt, was wir da gemacht hätten und wohin wir jetzt wollten und dann hereingelassen.

Dafür hat unser Rückflug nur mit Hindernissen geklappt. Der Flieger von Tel Aviv nach München hatte soviel Verspätung, dass der Anschlussflug Donnerstag Abend weg war. So mussten wir in München übernachten und sind erst Freitag Morgen zurückgekommen. So anstrengend die Reise auch ist, nicht reisen können ist schlimmer.

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