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Psychodramakindertherapie mit kriegstraumatisierten Kindern in Gaza

Ende Mai 2013 reisten Agnes Dudler und Stefan Flegelskamp nach Gaza. Neben der psychodramatischen Arbeit mir Erwachsenen gab es auch einen Train-the-trainer-Workshop speziell für die psychodramatische Arbeit mit Kindern. Der DFP unterstützte das Projekt durch eine Teilfinanzierung. Hier ist der Bericht.

Bericht über den Workshop vom 19. bzw. 21. – 23. Mai2013 durchgeführt von Stefan Flegelskamp und Agnes Dudler

„Ein Kind macht die ernsthaftesten Sachen, indem es spielt!“ schreibt Rousseau in seinem Roman „Emile“, aber auch palästinensische Erwachsene in den Rollen von spielenden Kindern haben uns ganz schnell die Bedrohung durch die israelische  Besatzung im Gazastreifen und deren Auswirkung  auf die dort lebenden Kinder (und sie selbst) spüren lassen. Mit Begeisterung und Spielfreude  startete die Gruppe mit dem europäischen Kinderspiel  „Das Eichhörnchen unter Dach“  und setzte sich danach zum weiteren Warm-Up im „Erzählcafè“  mit eigenen Lieblingkinderspielen und -helden auseinander. „Das Spiel ist die Sprache der Kinder“,  mit diesem Satz begann Stefan die theoretische Einführung ins Kinderpsychodrama .

Kurze theoretische Einführung:  
Weniger durch Sprache als mit Handlungen versuchen Kinder die Welt zu begreifen und zeigen auch handelnd, was sie erleben.  Die spielerische Möglichkeit des „ so tun als ob“ eröffnet dazu  Spielräume, in denen  Kinder wiederholen, was ihnen geschehen ist,  auch Neues kreieren  und ihre Ordnung in die Welt bringen können.  Eine Traumatisierung in frühen Lebensjahren bedeutet immer die Gefahr von Entwicklungsblockierung und Fehlentwicklung durch eine notdürftige Traumakompensation.  Spiel ist ganzheitlich, es bezieht  alle Sinne ein,  den ganzen Körper und die ihm innewohnenden Ressourcen.  Es  ermöglicht daher,  blockierte emotionale, soziale, kognitive und körperliche Entwicklungen wieder in Bewegung zu bringen und das erschütterte Welt-und Selbstbild des Kindes zu restaurieren.

Gerade bei  komplex und mehrfach traumatisierten Kindern herrscht meist Sprachlosigkeit vor; sie haben keine Worte  für das erlebte Entsetzen.  Um  verletzte Kinder verstehen zu können, muss man tief in ihre Welt eintauchen und ihnen spielend begegnen.  Das Symbolspiel bietet Kindern bis ca. 12 Jahren die ihnen entsprechende  Ausdrucksmöglichkeit.  Hier können sie ihre leidvolle Wirklichkeit auf eine kindgerechte Weise darstellen, sich  aneignen und darin selbst gewählte Rollen spielen.  Es bietet Schutz vor der Überwältigung durch traumatische Erlebnisse.  Im Symbolspiel ist eine immense Kreativität der Kinder zu beobachten, in einer leidvollen, unangenehmen Situation das Lustvolle, das Angenehme herauszuholen und sich als aktiv gestaltendes und kontrollierendes, machtvolles  Wesen zu erleben.  Es ermöglicht dem Kind genau die im Trauma verloren gegangene  Kontrolle, die es für sein Sicherheitsbedürfnis braucht, um sich dem Schrecken z.B. von der Täterseite her zu nähern und wieder Selbstwirksamkeit zu erleben.

Schon das erste harmlose  Spiel „Farm“  mit beziehungsstiftender Grundidee, bei dem wir beide das Farmerehepaar spielten, endete mit der Aktualisierung eines sensiblen Gaza-Themas:  “ Warum hast Du meine Tiere( Kinder) nicht geschützt ?“ war der massive, in für uns mit erstaunlicher Härte geäußerte Vorwurf des Farmbesitzers an Stefan als Bauern, da er in dieser Rolle abwesend war, als die Farm von einem Löwen (auch Stefan) angegriffen wurde, den dann der mit Waffen und Jeep bestens ausgestattete Besitzer erlegte.  Deutlich wurden die Selbstvorwürfe der Erwachsenen in Gaza, ihre Kinder nicht vor den kriegerischen  Angriffen schützen zu können, und die meist verdeckte Wut und Fassungslosigkeit der Kinder, dass ihre Eltern selbst Opfer von Gewalt sind. Schuldgefühle konnten in der Nachbesprechung thematisiert werden und die Scham des erlebten Versagens  und Unterliegens, aber auch die Trauer darüber, die Kinder aus Sorge  möglicherweise zu sehr in ihren Freiheiten einzuschränken.

Auf Wunsch der TeilnehmerInnen fand  im zweiten Spiel die Symptomatik internalisierender Traumaverarbeitung Platz auf der Bühne. In einer reinen Mädchengruppe spielten die (Frauen als) Mädchen erwachsene Frauen, die sich zum Kaffeetrinken gegenseitig besuchen wollten.  Agnes sollte als 10jährige Tochter und ich Stefan als 6jähriger Sohn ihre etwas frechen Kinder spielen. Grundtenor des Spiels war die unterdrückte Lebendigkeit bei allen Beteiligten.  Wir Kinder hatten zwar einen hohen Stellenwert in der Familie,  mussten aber dafür sehr braves  und angepasstes Verhalten an den Tag legen und bei Fehlverhalten wurden Vorwürfe gemacht, Schuldgefühle erzeugt und strenge Wiedergutmachung eingefordert. Mädchen sein in Gaza bedeutete in diesem Spiel  Anpassung, die Mutter unterstützen und  Vermeiden eigener expressiver Impulse; ein Junge kann sich expansiver verhalten, soll aber wie ein Mann sein, also z.B. nicht weinen.

Diese Erkenntnisse ließen die  Mütter unter den angehenden Mental Health Workern besonders  erschrecken (die anderen waren durch ihre Psychodramaerfahrung bereits auf solche Konfrontationen vorbereitet)  und eine emotionale Diskussion entstand über die aktuelle Situation der Kinder in den Familien in Gaza.  Agnes als 1946 geborenes Nachkriegskind wurde sehr an die eigene Lebendigkeitsbeschränkung in ihrer Kindheit erinnert und konnte daher hilfreiches Sharing geben. In der gebeutelten oft aussichtslos erscheinenden politischen Situation in Gaza ist es für unsere KollegInnen immer wieder tröstlich zu hören, dass wir aus dem „Wunderland“  Deutschland vergleichbare Erfahrungen mitteilen können. Wir selbst, mit unserer deutschen Geschichte konfrontiert,  waren bis in die Abendstunden mit der Thematik beschäftigt.

Im dritten Spiel wurden wir Zeuge eines „ typischen“ Jungenkriegsspiels.  Israelische Soldaten inhaftieren palästinensische, Steine werfende Kinder unter den Augen eines hilflosen Nachbarn (Stefan) und einer ebenso  hilflosen ausländischen Journalistin (Agnes), von der man allerdings hoffte, dass sie internationale Hilfe rufen könne. Zwei  Kindern gelang es in diesem Spiel durch einen einfachen  Rollenwechsel  die in der realen Situation erlebte Ohnmacht abzuwehren. Wir waren schwer beeindruckt davon, mit welcher Radikalität und Unerbittlichkeit sie als israelische Soldaten auftraten, um sich von niemandem etwas sagen lassen zu müssen.  Die beiden Frauen als palästinensische Kinder waren stolz über ihren Mut und voller Vertrauen in uns als hilfreiche Erwachsene. Es war nicht leicht, in diesem Spiel eine Lösung zu finden, bei der niemand  Verlierer war. Uns hat das von fast allen Anwesenden bereits erlebte Ausgeliefertsein, das  Grauen, das zum Teil darin zum Ausdruck kam, sehr angerührt.  Die kurzen Einblicke in die Geschichten und Dramen, die die „Kinder“ in den  Eingangsrunden zum Symbolspiel präsentierten, zeigten,  dass unsere TeilnehmerInnen   diese oder ähnliche Szenen am eigenen Leibe erlebt haben.
Nach einer ausführlichen Übung zur Detraumatisierung schloss der Workshop wieder mit einem tiefen gegenseitigen Gefühl der Dankbarkeit und Wertschätzung und mit der Frage: Wie geht es jetzt weiter?

Vorgeschichte und Anreise:
Dies war unser zweiter Besuch als Psychodramatrainer in Gaza nach einem ersten Einsatz dort im Mai 2012; wir haben darüber auf der Homepage und der MV berichtet. Eine für November 2012 geplante Trainingswoche von Gabi Stiegler und mir (Agnes)  musste wegen der Bombardierungen ausfallen. Dankbar haben die KollegInnen dort auf die Grüße und das Mitgefühl der DFP-TagungsteilnehmerInnen in Hamburg reagiert. Die Angst, von der Welt vergessen und im Stich gelassen zu werden ist groß.

Für dieses Jahr Mai war ein erstes Training von KollegInnen in Gaza in Psychodramagruppentherapie mit traumatisierten Kindern geplant und angekündigt. Der Bedarf in Gaza ist immens, da bereits die dritte bis vierte Generation unter Belagerungs- und wiederkehrenden Kriegsbedingungen aufwächst. Und zwei Drittel der Bevölkerung in Gaza ist unter 15 Jahre alt.

Von israelischer und palästinensischer Seite her verlief dieses Mal unsere Einreise nach Israel und dann von Erez (Grenzstation von Israel) nach Gaza ganz unkompliziert. Die attraktive Passkontrolleurin in Erez meinte Stefan wiederzuerkennen und begrüßte ihn freundlich. Die Koffer kontrollierende Beamtin an der inneren Grenze (der Hamas)  nach Gaza interessierte sich weniger für meinen Gepäckinhalt als für mich, hätte sich gern mit mir unterhalten und bedauerte meine mangelnden Arabischkenntnisse.

Wir wohnten wieder – wie schon im Mai letzten Jahres – in der Gästewohnung der anderen mit Medico Schweiz kooperierenden Organisation, der Palestinian Medical Relief Society (PMRS) und wurden dort freundlich von ihrem Direktor Abu Akram (Abdel Hadi Abukhousa ) begrüßt und mit der sich wandelnden Situation in Gaza vertraut gemacht. Er selbst hatte nach den Bombenangriffen im November 2012 lange Hautausschlag an den Händen; eins der Häuser seiner Großfamilie wurde fast ganz zerstört, eins schwer beschädigt, und seine Frau leidet seitdem an schweren Magenproblemen. Gaza wirkte auf uns nach einem Jahr deutlich verändert:  Mehr neue Autos (dazwischen immer noch einfache Eselskarren), weniger Müll auf den  Straßen, die eindrucksvolle Promenadenstrasse am Meer entlang und viele der feudal wirkenden Häuser dort fertiggestellt, auch Luxusgüter in einigen Geschäften, aber auch mehr verschleierte Frauen und mehr Milizen an den Straßenecken.  In dem Teil der Stadt, in dem wir uns bewegten, gab es mehr Neubauten als zerstörte Häuser.

Der Workshop
Wir sollten diesmal in Deir al Balah arbeiten mit einer Gruppe von 16 StudentInnen des Mental-Health-Studiengangs und einem Teil der bereits zertifizierten Psychodramatikerinnen. Die Stadt Deir al Balah liegt 20 km südlich von Gaza City und verfügt über eine große Klinik mit angeschlossener Ambulanz und Akademie für Mental Health, gebaut von der deutschen KFW und dem Entwicklungsministerium. Die Fahrt dorthin führte an Luxushotels wie ärmlichsten Strandhütten vorbei, durch schwer zu ertragenden Gestank entlang einer zerbombten Kläranlage, deren aufwendiger Neubau daneben mit Macht vorangetrieben ein Projekt des Scheichs von Katar ist.
Nach einem etwas schwierigen Anlauf (verursacht durch Kommunikationsprobleme) konnten wir drei Tage gut und sehr intensiv arbeiten. Es waren jeweils 18 – 24 Teilnehmer und Teilnehmerinnen da. Sie setzten sich aus „ unseren“ von Ursula Hauser und Maja Hess ausgebildeten Psychodramaleiterinnen und jungen StudentInnen  in der Ausbildung zu  Mental Health Worker zusammen, verstärkt um einige Psychologinnen, die mit Kindern arbeiten. Nach einer kurzen Einführung ins Psychodrama begannen wir mit unserem Thema.

Ausblick
Angesichts der ungewissen politischen Situation stellt sich die Frage verstärkt, wie es in Zukunft mit Einreisemöglichkeiten aussieht. Das GCMHP hat Interesse an einer zertifizierten Ausbildung bekundet. Den Trainingsteil von 2 x 5 Tagen über drei Jahre würden wir, v.a. Stefan übernehmen; eine parallel laufende Grundstufe könnte mit Betreuung durch uns (und andere WeiterbildungsleiterInnen) hoffentlich von zwei begabten Gaza-KollegInnen durchgeführt werden, die auf diesem Weg zu Trainern ausgebildet würden. Medico Schweiz klärt, ob sie oder vielleicht auch Medico Deutschland dieses Projekt übernehmen können, und mit dem Trainingsdirektor in Gaza muss verhandelt werden, ob und unter welchen Bedingungen es sich dort realisieren lässt.  Wenn dies geklärt ist, müssen wir sehen, was an Kosten übrig bleibt.

Während wir noch in Gaza waren wurde vom GCMHP eine Facebookseite „Psychodrama in Gaza“ eingerichtet. Dort stehen eine Einführung ins Kinderpsychodrama auf Englisch und Arabisch zur Verfügung und auf Englisch die Grundprinzipien der Arbeit mit Kinderpsychodrama.

Wenn wir uns verzagt und angerührt angesichts der aussichtlos erscheinenden politischen Situation in Gaza immer wieder einmal fragen, ob wir dort überhaupt von Nutzen sind, erhalten wir die Antwort schnell durch die Freude und Dankbarkeit, mit der die Menschen und insbesondere unsere Kollegen uns begegnen. Dass wir überhaupt die Mühe auf uns nehmen zu kommen, dass die Mitglieder unseres Fachverbandes an sie denken und ihre Ausbildung sponsern, löst viel Dankbarkeit aus und bestärkt den Lebensmut und die Kraft, mit der unsere KollegInnen immer wieder der wiederkehrenden Traumatisierung begegnen.
Also: herzlichen Dank an unseren Fachverband für den Beitrag zu dieser Arbeit!

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