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“We want to go on in dignity.” Fünf Tage psychodramatische Arbeit in Gaza

Eine Woche lang, vom 30. April bis 4. Mai 2012, arbeiteten Agnes Dudler (DFP-Vorstand) und Stefan Flegelskamp (Instititut SZENEN, Köln) gemeinsam mit KollegInnen des Gaza Community Mental Health Project sowie den Schweizer Kolleginnen Ursula Hauser und Maja Hess im Gaza-Streifen mit zum Teil schwerst traumatisierten Menschen. Ihre Reise war ein kollegialer Unterstützungseinsatz (Supervision, Fortgeschrittenentraining, Unterstützung vor Ort). Sie sahen und spürten viel Trauer und Zorn, aber auch mindestens so viel Kraft und enorme Ressourcen. Hier ist der Reisebericht von Agnes Dudler:

Wer hätte gedacht, dass eine Kollegin aus Gaza City die meines Wissens erste Broschüre in Arabisch zur Vorstellung des Psychodrama für Klienten und KollegInnen geschrieben hat? Doch so ist es:

Die Autorin Enas Jouda, mental health worker beim Gaza Community Mental Health Project (GCMHP),  ist Psychodramatikerin und wurde im November 2010 zertifiziert zusammen mit acht weiteren Kolleginnen und Kollegen.
Unsere Schweizer Kollegin Ursula Hauser ist über zehn Jahre etwa zweimal pro Jahr für eine Woche nach Gaza gereist, assistiert von Maja Hess, Gestalttherapeutin und Geschäftsführerin von medico international Schweiz; medico Schweiz trug und trägt das Projekt auch weiterhin.Ursula ist aktives Mitglied der IAGP und arbeitet v.a. in Mittel- und Südamerika und Kuba mit Psychodrama. Maja Hess hat bereits als Ärztin in palästinensischen Flüchtlingslagern Erfahrungen gesammelt und spricht etwas Arabisch. Medico international betreut (u.a.) verschiedene Projekte in Israel und Palästina.

„Ist das nicht viel zu gefährlich?“
Wenn man erzählt, in Gaza zu arbeiten, ist die erste Reaktion: „Ist das nicht viel zu gefährlich?“ Und meist die zweite: „In Israel wäre das aber auch nötig!“ Beides stimmt und stimmt nicht. In Gaza wird nicht immer geschossen, sondern soweit möglich, „normal“ gelebt; in Israel gibt es bereits über 1000 PsychodramatikerInnen, weit mehr pro Kopf der Bevölkerung als bei uns. Außerdem können Israelis weitgehend frei ein- und ausreisen – außer nach Gaza – und haben meist auch das Geld dazu, was in Gaza nicht der Fall ist.

Seit 2006 bin ich Mitglied der Friedensarbeitsgruppe der FEPTO. Dort fragte Ursula 2009  nach Freiwilligen, die nach Gaza reisen und die Arbeit dort fortsetzen würden mit Fortgeschrittenentraining, Supervision und Unterstützung der KollegInnen vor Ort beim Aufbau eines eigenen Institutes. Neben Kollegen aus anderen Ländern haben Stefan Flegelskamp und ich uns gemeldet. Und nach einer langwierigen Prozedur der Vorbereitung über medico international Deutschland und Schweiz und deren Dependance in Ramallah konnten wir schließlich im Frühling 2012 nach Gaza reisen.

Man muss sich auf der Reise mehrere Kontrollen gefallen lassen: Zuerst die Befragung am Flughafen in Tel Aviv, was man in Israel wolle. Würde man „nach Gaza“ antworten, wäre die Chance groß, gleich wieder nachhause geschickt zu werden. Israelische Kollegen, die unser Projekt sehr befürworten, hatten uns ihre Namen und Adressen zur Verfügung gestellt, so dass wir hier nicht in Verlegenheit waren. Wir übernachteten in Ost-Jerusalem, trafen den dortigen Vertreter von Palestinian Medical Relief zum Abendessen und fuhren am nächsten Morgen um 8.00 Uhr los zur Grenze, wo wir gegen 9.30 Uhr ankamen.

Das Psychodramaprojekt in Gaza wird vor Ort vom GCMHP und der Palestinian Medical Relief Society (PMRS) in Kooperation getragen. Von Israel aus reist man über Erez nach Gaza ein; die Erlaubnis dazu bekommen nur Vertreter akkreditierter internationaler Organisationen. Vor der endgültigen Einreise nach Gaza aus dem “Niemandsland” heraus braucht man eine vom Gaza Innenministerium abgesegnete Einladung einer anerkannten inneren Organisation wie z.B. die beiden oben genannten.

Erinnerungen an die deutsche Zonengrenze
Als wir an der sechs Meter hohen Betonmauer entlang fuhren, die Israel von Gaza trennt, und dann die streng bewachte Grenze mit mehreren Kontrollstationen passierten, kamen Stefan und mir Erinnerungen an die deutsche Zonengrenze.

 Wir beide brauchten gut fünf Stunden für die nächste Etappe. Eine Stunde Wartezeit in Erez verbrachten wir zusammen mit gut 20 anderen Helfern (vor allem aus Frankreich und Italien) und wenigen Palästinensern; so waren wir Teil des internationalen Helfertourismus. (Es waren so viele, da die Grenze wegen Sabbat und Feiertagen drei Tage geschlossen gewesen war.)

Ungefähr eine weitere Stunde brauchten wir, um die nächsten Kontrollstationen zu passieren, wo  unter anderem die Namen unserer Väter und Großväter nachgefragt wurden, was wir in Gaza wollten, wo wir dort wohnen und wen wir dort sehen würden, und um die wohl mehr als einen Kilometer lange eingezäunte Passage zu durchschreiten (s. Bild), die ersten 500 Meter noch von Kameras überwacht und mit Fotografierverbot. Dann fuhren wir etwa 800 Meter mit dem Taxi durch ein kaum besiedeltes Gebiet, wo Palästinenser mit Pferdefuhrwerken und einfachen Karren die Trümmerfelder der von den Israelis aus Sicherheitsgründen zerstörten Wohngebiete nach Steinen und Betonbrocken durchsuchten. An der wesentlich schlichteren Grenze der Hamas nach Gaza, lagen unsere Einladungen nicht vor, so dass nur Ursula und Maja und eine begleitende Schweizer Filmemacherin eingelassen wurden, während wir beide zweieinhalb Stunden das Kommen und Gehen internationaler Helfer und palästinensischer Krankenwagen beobachten durften. Gaza hat für schwere Krankheiten und Operationen keine Ausstattung; die Kranken müssen zur Behandlung nach Jerusalem, wenn sie eine Erlaubnis erhalten.

Fremde nimmt man freundlich auf, von Fremden kann man lernen
Einmal in Gaza wurden wir mehrmals am Tag freundlich begrüßt: “You are welcome!” und wurden interessiert gefragt, wie es uns in Gaza gefalle. Aus Indien kenne ich das ähnlich, nur dass die Leute einem dann etwas verkaufen wollen, während uns hier ein guter Aufenthalt gewünscht wurde. Von unserem Gastgeber, dem Leiter der PMRS in Gaza, in deren Gästewohnung wir wohnten, erfuhren wir: Die Beduinen der Region haben die Tradition, Fremde sehr freundlich aufzunehmen und so zu bewirten, dass sie möglichst lange und gern bleiben, denn von Fremden könne man viel lernen. Sehr weise, wenn das nur manch Fremdenfeindlicher bei uns beherzigen würde.

Die Gruppe unserer Kolleginnen begrüßte uns ebenfalls sehr herzlich und dankbar, dass wir die Mühe auf uns genommen hatten, zu Ihnen zu kommen. Stefan als der erste Mann in ihrem Psychodramatraining fand natürlich besondere Aufmerksamkeit, auch wenn manche der Frauen ihm ihre Hand nur als Geste auf Distanz reichten. „Da habe ich mal eine Kostprobe, wie sich Männer früher gefühlt haben“, meinte er.  In der Vorbereitung auf unsere Reise hatten wir viel mehr Depression und Traumatisierungsanzeichen erwartet, und auch etwas Angst davor gehabt. Hier waren wir immer wieder überrascht und bewegt, wieviel Resilienz und Ressourcen zur Traumabewältigung in der Gruppe sichtbar wurden. Sie haben den starken Willen, selbst, in ihren Familien und mit ihren Klienten Depression und Gewaltbereitschaft zu überwinden und eine Haltung jenseits davon zu realisieren. Es war anrührend zu hören, wie sehr ihnen das Psychodrama dabei geholfen hat und wie sehr sie darauf  bauen.

Trauer, Schmerz und Angst – aber kein Hass
Als besonderes Geschenk konnten wir eine follow up-Sitzung mit 16 Frauen der im Krieg 2009 schwerst traumatisierten Samouni Großfamilie miterleben. Diese Familie hat wegen des besonders grausamen Todes von mehr als 40 Mitgliedern tragische Berühmtheit erlangt. Zwei Kolleginnen aus der Gruppe, Enas (s.o.) und die Psychologin Ensara hatten in zwölf Psychodramasitzungen über 18 Monate mit ihnen an der Bewältigung ihrer Traumata gearbeitet.
Es war immer noch viel Trauer, Schmerz und Angst zu sehen, aber kein Hass.  Statt dessen wurde deutlich der Wunsch ausgedrückt, wieder Hoffnung auf die Zukunft und Lebensfreude zu entwickeln, wie zum Beispiel durch eine Hochzeit. Eine der jungen Frauen, die als Mädchen miterleben  musste, wie ihr Vater und Bruder erschossen wurden und ohne medizinische Versorgung starben, zeigte Ursula und Maja stolz ihr Baby und gab es mir zu halten, während sie an der Sitzung teilnahm.

Ihre Mutter war die erste Protagonistin; sie zeigte noch einmal, was ihr geholfen hatte: Im Psychodrama einen israelischen Soldaten anzuschreien, zur Rede zu stellen und symbolisch mit einem Handtuch zu schlagen und eine (tatsächliche) Pilgerreise nach Mekka, die sie jetzt auf der Bühne wiederholte. In der Rückmeldung äußerten viele Frauen den Wunsch, sie würden ebenfalls gerne nach Mekka reisen. Ensara und Enas luden sie daraufhin ein, ebenfalls alle anwesenden Kolleginnen, auf der psychodramatischen Bühne nach Mekka zu pilgern. Ein weißer Plastikhocker mit grünem Gebetsteppich war die Kaaba, wie man auf dem Bild sieht. Zwischen Kichern und Andacht wechselnd nahmen alle teil. Danach wollte eine andere Frau die Hochzeit ihres jüngsten Sohnes als Zukunftsprobe erleben. Es war eine fröhliche Feier mit zwei Frauen als Brautpaar.

Der Kameramann aus Gaza, den die Schweizer Kollegin (mit Hilfe von Kollegen aus Tel Aviv) ausfindig gemacht hatte, war früher schon zweimal mit Fernsehgesellschaften in dieser Familie gewesen. Er war den Tränen nahe, sie alle so gelöst und wieder dem Leben zugewandt zu sehen. Auch die Kinder wirkten weitgehend normal. Welch eindrucksvolle Arbeit unsere Kolleginnen, die selbst traumatische Erfahrungen in ihrer Familie haben!

 Als wir gingen bemerkte ich das T-Shirt von einem der  jungen Männer, der sich neugierig im Hintergrund aufgehalten hatte, und bat ihn um die Erlaubnis, ihn zu fotografieren.

Stefan machte sich Sorgen über die Jungen und Männer der Familie und fragte, wer denn mit ihnen arbeite. Da arabische Männer in der Gegenwart von Frauen nicht weinen dürfen, hatten nur Frauen teilgenommen. In der Ausbildungsgruppe  unter den KollegInnen hatten sie das Problem so gelöst, dass eine Frau die Trauer des Protagonisten darstellte und für ihn weinte.

 

 

Unsere Hauptaufgabe während dieser ersten Woche war, einen Eindruck vom Ausbildungsstand der KollegInnen zu gewinnen und ihre Bedürfnisse zu erfassen. Ursula und Maja hatten im Laufe der Ausbildung mit den Teilnehmenden deren eigene und familiäre Traumata bearbeitet. Dadurch war eine besonders enge Verbundenheit entstanden. So war es sehr hilfreich, dass wir als Neue sie gleich als (erwachsene) Kollegen ansprachen. Es waren zwei sehr bewegende und tränenreiche, aber auch freudige Sitzungen, in der sie sich aus ihrer Psychodramakindheit verabschiedeten und sich ihres Erwachsenseins bewußt wurden. Zusammen entwickelten wir dann ein Konzept für die nächsten Schritte. Mit einigen exemplarischen Beispielen stellten wir ihnen soziodramatisches Arbeiten vor und Psychodrama in der Supervision mit Teams. Dafür haben sie einen großen Bedarf.

Sehr offen und lernbegierig und ohne jede falsche Scheu stellte eine Kollegin, die mit traumatisierten Kindern arbeitet, eine Sitzung vor, in der sie gescheitert war und nicht weiter wusste. Das war eine Chance für Stefan, sein zusammen mit Alfons Aichinger entwickeltes Modell des Symbolspiels mit traumatisierten Kindern in einer Vignette zu demonstrieren.

Hier sieht man drei von uns als Kinder, die Löwen in einem Zoo spielen; Stefan ist der Zoodirektor, der vergessen hat, den Käfig abzuschließen und wir greifen ihn an und machen ihm Angst. Die kurze Einführung und ein Grundriss dieser Art mit Kindern zu arbeiten kam gut an und trifft in Gaza auf einen riesigen Bedarf. Dies motivierte Stefan, einmal im Jahr ein Training für die Arbeit mit traumatisierten Kindern anzubieten für alle, nicht nur die bereits fertig ausgebildeten PsychodramatikerInnen, die mit Kindern arbeiten. Wenn es klappt, und im Moment sieht es so aus, werde ich ihn im Mai dieses Jahres zum ersten Training nach Gaza begleiten.

Wie geht es weiter?
Das weitere Entwicklungskonzept sieht zwei Stränge vor.

1)  Maja und Ursula werden weiterhin einmal im Jahr zur Entlastungs- oder Detraumatisierungssupervision kommen. Das haben sie gerade im Januar realisiert, und es war nach den Bombenattacken letzten November besonders nötig.

2)  Im November 2012  wollten Gabi Stiegler und ich zum ersten Fortgeschrittenentraining in Soziodrama und Supervision mit Teams und in Organisationen nach Gaza, mussten aber wegen der kriegerischen Lage absagen. Ausgerechnet in der von uns geplanten Woche flogen die Bomben von Hamas und Israel und es sah nach Krieg aus. Wir werden das geplante Training im Oktober 2013 nachholen. Es gibt bei der ständig angespannten und ungewissen Lage in Gaza einen großen Bedarf soziodramatisch zu arbeiten, und die Kolleginnen werden vielfach nach Team- und Organisationssupervision angefragt. Das ist sehr verständlich, da die MitarbeiterInnen aller Einrichtungen dort mit Traumatisierten arbeiten und auch selbst schlimme Erfahrungen in ihren eigenen Familien verarbeiten müssen.

Gleichzeitig werden im Zwergschulprinzip neue Ausbildungskandidaten ins Psychodrama eingeführt und unsere KollegInnen als Trainer ausgebildet. Da es so zeit- und kostenaufwendig ist, nach Gaza zu reisen, müssen wir wie in den Pionierzeiten in anderen Ländern auf  manche aus gutem Grund entwickelte Struktur verzichten und sehen, wie sich Qualitätsstandards unter Gaza-Bedingungen realisieren lassen. Da ich mich noch gut an die Anfangszeiten bei uns erinnere und die Tradition sehr schätze, über der Form die Inhalte und Qualitäten nicht zu vergessen, sehe ich das als eine reizvolle, wenn auch nicht ganz leichte Aufgabe an.

Wenn wir in Gaza am Strand waren und als wir durch Israel und den Gazastreifen fuhren, sahen wir nicht nur die Mauer, Stacheldraht und Häuser mit Einschusslöchern, überfüllte Flüchtlingscamps, die sich in den über 60 Jahren ihres Bestehens zu eigenen kleinen Städten mit allerdings Großstadteinwohnerzahlen von gut 250.000 entwickelt haben, Siedlungen, die wie früher die Ritterburgen gut gesichert auf Hügeln liegen, sondern auch ein so schönes Land, dass es uns traurig und ratlos zornig machte, dass Politik und vielfältige andere Interessen auf beiden Seiten und rundherum diese Region zu einer so gefährdeten Heimat machen.


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